Studium : Stipendien für 0,3 Prozent

Nordrhein-Westfalen hat eine eigene Begabtenförderung für Studierende ins Leben gerufen – die Wirtschaft hilft mit.

Amory Burchard

„Den entscheidenden Anstoß für eine neue Stipendienkultur in Deutschland“ will der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister geben. Das erklärte Andreas Pinkwart (FDP) am Dienstag – vier Monate, nachdem er mit seinem Vorschlag für ein nationales Stipendiensystem gescheitert ist. Ende März hatte die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) Pinkwarts Modell, nach dem die besten zehn Prozent eines Studienjahrgangs mit 300 Euro im Monat unterstützt werden sollten, endgültig abgelehnt. Die Hälfte des Geldes sollte vom Staat kommen – zwei Drittel vom Bund, ein Drittel von den Ländern –, die andere Hälfte sollten die Hochschulen bei der Wirtschaft einwerben.

Jetzt präsentiert Pinkwart Zahlen seines Plan B, eines Stipendiensystems nur für NRW. Die Hochschulen des Landes haben von Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen insgesamt 1200 Zusagen über je 150 Euro erhalten, die vom Wissenschaftsministerium gegenfinanziert werden. Pinkwart stellt jetzt weitere 200 Stipendien für das Wintersemester zur Verfügung. Das Land hat 478 000 Studierende, 0,3 Prozent davon werden also Stipendien bekommen. Seit zwei Jahren müssen Studierende in NRW Gebühren von bis zu 500 Euro im Semester zahlen.

Im Frühjahr hatten sich die Rektoren teilweise widerstrebend der Aufgabe unterworfen, für Stipendien bei der Wirtschaft „betteln zu gehen“, war aus Hochschulkreisen zu erfahren. Auch Nikolaus Risch, Präsident der Uni Paderborn und stellvertretender Sprecher der Landesrektorenkonferenz, sagt: „Ich hatte zuerst Sorge, dass ich als Bittsteller auftreten muss.“ Aber dann hätten sich schnell erste Erfolge eingestellt.

Heute versteht Risch die Stipendienwerbung als Gegengeschäft: Große Firmen in der Region wie Oetker, Bertelsmann oder Miele suchten ständig Managernachwuchs, die Hochschulen bilden ihn aus. 127 Stipendien habe er eingeworben, sagt Risch. Gemeinsam mit fünf weiteren Hochschulen in Ostwestfalen will er „Netzwerktreffen“ für Stipendiaten und Unternehmen anbieten. Auch Martin Sternberg, Rektor der Hochschule Bochum, fiel es zunächst nicht leicht, auf Firmen zuzugehen. In seinen Bittschreiben habe auch er betont, dass die Sponsoren über die Stipendien frühzeitig mit exzellenten Studierenden in Kontakt kommen können. „Und wir waren gezwungen, darüber nachzudenken, wer unsere Freunde sein könnten und wen wir relativ plump um Geld bitten können“, sagt Sternberg. Paderborns Präsident Risch sieht in Pinkwarts Stipendienmodell die Zukunft der Bildungsfinanzierung: „Die Auffassung ,Für Bildung zahlt der Staat‘ erodiert.“

Dem widerspricht der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in einem Schreiben an die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD). „Da Stipendien von Unternehmen in erster Linie der Personalrekrutierung und -entwicklung dienen, sind sie von Unternehmens- und Brancheninteressen geleitet und konjunkturellen Entwicklungen unterworfen“, heißt es in dem Schreiben vom April dieses Jahres. Burchardt hatte den Stifterverband um eine Stellungnahme zum Stipendiensystem der Wirtschaft gebeten.

Pinkwart hält an seinem Ziel fest, „das NRW-Modell bundesweit zu etablieren“. Mit Hilfe des Bundes könnte die Zahl der Begabtenstipendien, die jetzt bundesweit bei zwei Prozent liegt, jährlich verdreifacht werden. Amory Burchard

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