Stumpfe Wunderwaffen : Gefährliche Resistenzen nehmen in Europa weiter zu

Die europäische Seuchenbehörde warnt, dass Keime wie Klebsiella pneumoniae nicht nur gegen Reserveantibiotika wie Carbapeneme resistent werden. Selbst die letzte Waffe - Colistin - versagte bei fünf Prozent der Proben.

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Hartnäckig. Das Uniklinikum Leipzig kämpfte jahrelang mit einem multiresistenten Keim namens KPC. 2010 hatte ihn ein griechischer Patient eingeschleppt. Insgesamt steckten sich bei dem Ausbruch mehr als 100 Patienten an. Foto: picture alliance / dpa
Hartnäckig. Das Uniklinikum Leipzig kämpfte jahrelang mit einem multiresistenten Keim namens KPC. 2010 hatte ihn ein griechischer...Foto: picture alliance / dpa

Der Krankenhauskeim MRSA ist längst nicht mehr die größte Sorge der Experten. Das zeigt ein am Montag veröffentlichter Bericht der europäischen Seuchenbehörde ECDC. MRSA bleibt zwar in Europa weitverbreitet. Auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien reagieren bis zu 25 Prozent der Proben nicht auf das Antibiotikum Meticillin. Doch insgesamt sind die Zahlen sind weiter rückläufig, sogar in Portugal sind sie auf unter 50 Prozent gefallen.

Viel schwerer zu besiegen, ist das Magen-Darm-Bakterium Klebsiella pneumoniae. Etwa fünf Prozent der Proben, die Forscher in Europa sammelten, waren nicht nur gegen Reserveantibiotika wie Carbapeneme resistent. Es ließ sich nicht einmal mit der allerletzten Waffe – Colistin – in die Schranken weisen, jenem uralten Mittel, das über 50 Jahre kaum verwendet wurde, weil es Nerven und Nieren schädigt. Besonders oft versagten Reserveantibiotika in Griechenland, Italien und Rumänien gegen diesen Keim, wenn er in die Blutbahn, die Lunge oder in die Harnwege gelangte. Auch wenn E.coli vom Darm in die Blutbahn oder die Harnwege geriet, war es teilweise bereits gegen drei Antibiotikaklassen resistent.

Antibiotika zu schlucken, darf nicht selbstverständlich sein

„Wir kehren allmählich zu einer Zeit zurück, bevor es Antibiotika gab und bakterielle Infektionen nicht behandelt werden konnten“, sagte ECDC-Direktor Marc Sprenger. Hüftoperationen, Organtransplantationen oder die Versorgung von Frühchen wären dann nicht mehr möglich. „Antibiotikaresistenzen sind eine der dringendsten Herausforderungen unserer Zeit“, ergänzte der EU-Kommissar für Gesundheit, Vytebis Andriukaitis. Die Verantwortung dafür, dass die einstigen Wunderwaffen der Medizin nicht stumpf werden, liege nicht nur bei den Ärzten, sondern bei jedem Einzelnen, betonte Sprenger. Ähnlich wie beim Rauchen müsse sich die Haltung der Öffentlichkeit zu Antibiotika verändern, sagte John Chave, der die Apotheker in der EU vertritt. „Es sollte uns schockieren, wenn jemand wegen einer Erkältung – also einer viralen Infektion – ein Antibiotikum haben will oder übrig gebliebene Pillen zur Selbstmedikation nutzt.“

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die EU, die USA und andere Staaten entwerfen oder implementieren gerade Aktionspläne, die den umsichtigen Einsatz von alten und neuen Antibiotika sicherstellen und die Entwicklung neuer Antibiotika ermöglichen sollen. Die EU schreibt zum Beispiel im Februar 2015 einen Forschungspreis aus, der das Team mit einer Million Euro belohnt, das einen schnellen und sicheren Test findet, um virale von bakteriellen Atemwegsinfektionen zu unterscheiden. Infektionen sollten verhindert und die Verwendung der Antibiotika strenger reguliert und überwacht werden – bei Mensch und Tier. In der Landwirtschaft dürften Antibiotika eine gute Versorgung der Tiere nicht ersetzen, sagte Christophe Buhot von der Vereinigung der europäischen Tierärzte FVE. Mittel, die für den Menschen gebraucht werden, sollten nur verschrieben werden, wenn es für das Tier keine Alternative gibt.

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