Südpazifik : Wachsen statt schrumpfen

Die Südsee-Atolle steigen mit dem Meeresspiegel: Trotz Klimawandels besteht keine Gefahr – vorerst.

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Traum in Blau. Das Funafuti-Atoll im Südpazifik gehört zur Tuvalu-Inselgruppe.
Traum in Blau. Das Funafuti-Atoll im Südpazifik gehört zur Tuvalu-Inselgruppe.Foto: AFP

Die Inseln im Südpazifik liegen nur knapp über dem Meer und gelten deshalb als besonders gefährdet, weil der Klimawandel den Wasserspiegel steigen lässt. Wider Erwarten sind viele dieser Inseln in den letzten 60 Jahren aber nicht geschrumpft, sondern sogar gewachsen, wie eine Studie nun zeigt.

„Bisher hatte man angenommen, dass der Meeresspiegel steigt, die Inseln aber einfach sitzen bleiben und untergehen“, erklärt Paul Kench von der Universität von Auckland in Neuseeland eine gut etablierte Theorie von Geoforschern über die Auswirkung des Klimawandels auf die Inselwelt der Südsee. Als der Spezialist für Küsten und Korallenriffe jedoch gemeinsam mit Arthur Webb von der Kommission für Angewandte Geowissenschaften in der Hauptstadt der Fidschi-Insel-Republik Suva das Schicksal von 27 Pazifik-Inseln untersuchte, erlebte er eine Überraschung (Ergebnisse veröffentlicht in „Global and Planetary Change“, online und im „New Scientist“, Nr. 2763, Seite 10). „Der Meeresspiegel steigt und die Inseln beginnen zu antworten“, fasst Kench zusammen.

Ausgangspunkt der Untersuchung waren historische Luftbilder der vergangenen 60 Jahre. Von Neuseeland verkehrten seit 1951 Flugboote auf der „Korallenroute“ zu den Fidschi-Inseln und weiter über Samoa, Tahiti und die Cook-Inseln zurück nach Neuseeland, die in den Buchten und Lagunen landeten. Diese Inseln und Atolle fliegt Air New Zealand noch heute an. Daher gibt es reichlich Luftbilder. Kench und Webb verglichen auf solchen Bildern und modernen Satellitenaufnahmen die Umrisse von 27 Inseln, um Größenveränderungen im Laufe der Jahrzehnte zu ermitteln.

Seit Beginn der Korallenroute ist der Meeresspiegel in der Südsee um zwölf Zentimeter gestiegen. Theoretisch hätten in jedem der vergangenen 60 Jahre die untersuchten Inseln also zwei Millimeter sinken müssen. Besonders niedrig gelegene Teile der Motu genannten Inseln eines Atolls sollten überflutet worden sein. Gleichzeitig sollte die Erosion Teile der Küste abtragen. Und Salzwasser könnte mit steigendem Meeresspiegel in die eine oder andere Süßwasserlinse im Untergrund der Motus eindringen.

Zumindest die schwindende Fläche durch Überflutungen und Erosion erkennen die Forscher beim Vergleich der Bilder aus verschiedenen Epochen leicht. Tatsächlich schrumpften seit den 1950er Jahren nur vier der untersuchten 27 Inseln. Die anderen 23 blieben entweder gleich groß oder wuchsen sogar.

Als Arthur Webb einen Blick auf den typischen Aufbau einer Motu warf, fand er auch rasch eine Erklärung. Um jedes Atoll wächst unter Wasser ein Korallenriff. Jeder Tropensturm kann Schneisen der Verwüstung in ein Riff schlagen, auch die normalen Wellen brechen Teile abgestorbener Korallenstöcke heraus. Ein Teil dieses Korallenschutts wird von Wind, Wellen und Strömungen an den Stränden der Motus angeschwemmt und lässt die Inseln zumindest an bestimmten Stellen wachsen. Im Meer wachsen die Korallen weiter und füllen die Lücken auf, die ein Sturm hinterlassen hat. Das Riff kann so Nachschub für die Sandstrände liefern, und die Inseln wachsen.

Als 1972 der Hurrikan „Bebe“ den Inselstaat Tuvalu im Pazifik traf, deponierte er insgesamt 140 Hektar Korallenschutt und vergrößerte die Fläche der Hauptinsel um zehn Prozent. Schon damals konnte man also beobachten, dass Wind und Wellen solche Inseln nicht nur schrumpfen, sondern auch wachsen lassen. Die lange Geschichte eines solchen Atolls sehen Geoforscher beim Vergleich der Inseln Aitutaki und Atiu im Cook-Archipel. Auf einer Hochebene von Atiu entdecken die Wissenschaftler dort einen seltsamen Ring rund um das Plateau, den ein genauer Blick als Korallenriff mitten im Regenwald entlarvt.

Entstanden war Atiu, als vom Grund des Pazifiks Lava aufstieg und einen Vulkan im Meer bildete, der nach Abkühlen des Gesteins unter Wasser von einem Korallenriff umgeben war. Der Vulkan ist erloschen, während sich immer noch eine Erdplatte ganz in der Nähe von Atiu unter eine andere Platte schiebt und diese mitsamt Insel und Korallenriff anhebt. Im Laufe der Jahrmillionen wurden so die Korallen hoch über den Meeresspiegel gehoben und starben ab. Während überall sonst auf der Welt Korallen im Wasser wachsen, stehen sie auf Atiu daher heute versteinert im Dschungel.

Aitutaki dagegen hebt keine Erdplatte an. Genau wie auf Atiu umgab dort ein Korallenriff einen längst erloschenen Vulkan, der 4000 Meter vom Grund des Pazifiks aufragte. Mit der Zeit tragen Hurrikane, Wind, Wellen und Tropenregen die über der Wasseroberfläche liegenden Teile der Vulkaninsel ab. Auf Aitutaki ist nur ein 124 Meter hoher Gipfel übrig.

Manchmal sinkt gleichzeitig die Erdplatte unter der Insel langsam ab und die Berge versinken im Meer. Die Korallen am Rand aber halten mit dem Schrumpfprozess mit und wachsen immer weiter. Der Schutt zerstörter Korallen wird als Korallensand an den Vulkanhängen angeschwemmt. Ist der Vulkan unter Wasser verschwunden, bleibt der Kraterrand sichtbar, weil sich dort der Korallenschutt auftürmt. Aitutaki ist daher wie viele andere ehemalige Vulkane von einem Ring kleiner Inseln aus Korallensand umgeben, die auf dem versunkenen Kraterrand immer weiter wachsen.

Entwarnung wollen Kench und Webb aber nicht geben. Der Anstieg des Meeresspiegels dürfte sich beschleunigen, wenn der Klimawandel weitergeht. Dann halten die Korallen vermutlich nicht mehr mit und der Nachschub für das Wachsen der Inseln versiegt.

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