Summer Schools : Sommer, Sonne, Scheine

Sommeruniversitäten sind die internationalen Visitenkarten der Berliner Hochschulen - und beschleunigen das Studium.

Jan Oberländer

BerlinMitte August in Berlin. Durch die Gänge der Silberlaube, dem Hauptgebäude der Freien Universität in Dahlem, dringt ein Chor: „Ich muss arbeiten! Ich müsste arbeiten! Ich hätte arbeiten müssen!“ Die Studierenden in Raum KL 24/105 liegen in ihren Semesterferien nicht am Strand. Sie üben die Bildung des Konjunktivs.

Die zehn Teilnehmer des Deutsch-Intensivkurses, den die „Freie Universität im Sommer“ (FUBiS) anbietet, sind Anfang 20 und kommen aus aller Welt – aus Japan, den Niederlanden, Tadschikistan oder den USA. Sie haben sich für den Kurs angemeldet, weil sie Jobs in internationalen Firmen anstreben, weil sie vielleicht einmal in Deutschland arbeiten oder studieren wollen – oder weil ihnen die Sommeruni eine Möglichkeit bietet, ins Ausland zu reisen und gleichzeitig Scheine für ihr Studium zu sammeln.

Die Deutschkurse sind das eine Standbein der „Freien Universität Berlin im Sommer“, die in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfindet. Das andere sind die thematischen Seminare aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften: Architektur, NS-Geschichte, Europapolitik. „Die Fubis ist die größte multidisziplinäre Sommeruniversität in Deutschland“, sagt Programmleiter Ansgar Gessner. Seit ihrer Einführung 1998 sei sie kontinuierlich gewachsen, in diesem Jahr seien mit 415 Teilnehmern noch einmal zehn Prozent mehr gekommen als 2006. Ein Trend, der auch für andere Hochschulen gilt. Wie an der FU gewinnen an allen Berliner Universitäten Summer Schools an Bedeutung.

Die Sommerprogramme sollen das akademische Profil schärfen, heißt es an der Humboldt-Universität. Dort findet gerade erstmals die „Leo Baeck Summer University“ in Jüdischen Studien statt, während der „Internationale Hochschulkurs für Germanistik“ gerade sein 40. Jubiläum feiert. Die Kurse an der HU seien für die Teilnehmer nicht nur akademisch von Gewinn, sondern auch ein „Schnupperangebot“ für ein Studium in Deutschland.

Die Hochschulen dürften in den Semesterferien nicht mehr in einen „Märchenschlaf“ verfallen und ihre Ressourcen brachliegen lassen, sagt Anna Held, die Geschäftsführerin der „Leo Baeck Summer University“. Sie müssten einsehen, „dass sie zwölf Monate im Jahr eine Universität sind“. In Berlin scheint es keine vorlesungsfreie Zeit mehr zu geben. Die FU kümmert sich mit ihrer Schüler-Sommeruni auch um den Nachwuchs, die HU holt internationale Juristen nach Berlin, auch die Universität der Künste und die TU machen Programm (siehe Kasten). Und im Januar 2008 bietet die FU schon zum zweiten Mal eine Winteruni an.

Die Teilnahme an der Sommeruni ist kein Strandspaziergang. „Wir werben mit dem Anspruch unseres Programms“, sagt Ansgar Gessner von der FU-Sommeruni. Die Fubis sei eben nicht „Sommer in Berlin mit ein bisschen Unterrichtsprogramm“. Umgekehrt komme es schon eher hin. Vor Beginn jedes Kurses wird der Seminar-Reader ausgeteilt, „das sind Leitz-Ordner, drei bis fünf Zentimeter dick. Da realisieren die Studenten recht schnell, dass sie hier hart arbeiten müssen“, ist sich Gesser sicher. Neben dem Lesepensum sind Referate zu halten und Klausuren zu schreiben, am Ende steht eine schriftliche Hausarbeit – genau wie in einem ganz normalen Uni-Seminar. Schließlich sollten die in den Sommerkursen erworbenen Scheine an den Heimatunis der Studierenden anerkannt werden.

Aus 53 Ländern kommen die Teilnehmer allein an der FU-Sommeruni. Josh etwa studiert an der Drew University in Ney Jersey Deutsch und Russisch. Der 19-Jährige hat schon im Juni einen ersten Deutschkurs an der FU-Sommeruni belegt, jetzt absolviert er bis Ende August noch einen zweiten. Damit spare er ein ganzes Jahr Deutschunterricht an seiner Heimatuni, sagt Josh. Das seien ihm die 5000 Dollar wert, die ihn seine Deutschlandreise inklusive Kursgebühren, Unterkunft und Verpflegung kostet – schließlich habe er daheim ein Stipendium, das ihn von Studiengebühren befreit.

Noch kommen die wenigsten Teilnehmer an Berliner Sommerunis aus Deutschland – an der Fubis sind es fünf. In den USA, wo Summer Schools eine lange Tradition haben, sei das ganz anders, sagt Gessner. „In Berkeley sind 80 Prozent der Teilnehmenden aus Berkeley selbst.“ Bald werde sich der Trend zur Sommeruni aber auch unter den deutschen Studierenden durchsetzen. Die neuen Bachelor-Studiengänge erforderten ein rigides Studieren. „Was heißt, dass man den Sommer nutzen wird, um das Studium zu beschleunigen oder Dinge nachzuarbeiten.“

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