Technik : Elektronische Wächter für Senioren

Neue Sensoren erkennen, ob allein lebende Senioren in Gefahr sind – und holen bei Bedarf Hilfe. Selbstbestimmtes Leben im Alter wird so erleichtert, hoffen Forscher.

Frank Schubert
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Ferndiagnose. Mithilfe von Videotechnik kann der Arzt mit geringem Aufwand "Hausbesuche" machen.-Foto: Fraunhofer IESE

Bloß nicht ins Heim! Diesen Wunsch haben viele alte Menschen. Sie möchten möglichst lange in der eigenen Wohnung leben, auch wenn sie dort Unterstützung benötigen. Das Bedürfnis ist auch im Interesse des Gesundheitswesens, denn je mehr Senioren im eigenen Zuhause wohnen, umso weniger Kosten für medizinische Versorgung und Pflege entstehen. Der Kostendruck wird künftig noch deutlich größer. Heute haben 16 Millionen Deutsche die 65 erreicht oder überschritten. In dreißig Jahren werden es etwa 24 Millionen sein – das ist immerhin jeder dritte Bürger. In den übrigen europäischen Ländern ist die Entwicklung ähnlich.

Deshalb fördert die Europäische Union die Entwicklung von Technik, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter erleichtert. „Ambient Assisted Living“ heißt dieser Forschungszweig, der Begriff bedeutet soviel wie „Lebensweise, die von der Umgebung gefördert wird“.

In Deutschland spielt dabei das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserlautern eine wichtige Rolle. Der Ingenieur Martin Becker leitet dort den Forschungsbereich Ambient Assisted Living. „Für ältere Menschen ist vor allem wichtig, dass eine ,intelligente Umgebung‘ Notfälle selbstständig erkennen und darauf reagieren kann“, sagt er. Möglich werde so etwas durch spezielle Sensoren, die mit einem Computersystem verbunden sind.

Wie die Notfallerkennung ablaufen kann, illustriert Becker an folgendem Beispiel: Die Wohnung eines älteren Menschen ist mit Bewegungsmeldern, druckempfindlichen Bodenmatten und elektrischen Türkontakten ausgerüstet, die laufend registrieren, wo sich der Bewohner aufhält. Wenn er stürzt und reglos liegen bleibt, erkennt das System, dass etwas nicht stimmt, und alarmiert eine medizinische Leitstelle. Ein Pfleger fragt von dort aus über eine Sprechanlage, ob alles in Ordnung ist. Kommt keine Reaktion, verständigt er den Notarzt.

„Wir entwickeln einen künstlichen Mitbewohner – eine elektronische Wohnumgebung, die den Menschen im Alltag begleitet“, beschreibt Becker. Zu dem System gehören verschiedene Sensoren, die unauffällig in der Wohnung verteilt sind: Bewegungsmelder, Tür- und Fensterkontakte, Druckfühler in der Matratze des Betts sowie Armbänder, die Puls, Hautfeuchte und Körpertemperatur messen. Per Funk melden sie ihre Daten an einen zentralen Computer, der in einem Schrank verborgen ist und die Informationen auswertet.

„Unser System erfasst, wo die Person gerade ist, was sie tut und wie es ihr geht“, sagt Becker. Die Software dokumentiert, wann der Bewohner sich etwas zu essen macht, schläft oder auf die Toilette geht, und erkennt so sein „Normalverhalten“. Gibt es Abweichungen davon – etwa wenn der Bewohner ungewöhnlich lange im Bett bleibt oder auffällig wenig isst – informiert der Computer über Telefon oder Internet einen vorher bestimmten Ansprechpartner. Diese Person prüft dann, ob alles in Ordnung ist. Das kann ein Verwandter sein, die Nachbarin oder die Pflegeeinrichtung. Liegen Hinweise auf einen Notfall vor, wird sofort der Rettungsdienst alarmiert.

„An solchen Systemen gibt es großen Bedarf“, sagt Christian Madler, Leiter des Instituts für Anästhesiologie und Notfallmedizin des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern. „Zwei Drittel aller Notfalleinsätze gelten Menschen, die älter sind als 65 Jahre; am häufigsten müssen die Notärzte 80- bis 85-Jährige versorgen“, sagt der Mediziner. Der Grund dafür sei, dass es in diesem Alter häufig zu Herz-Kreislauf-Problemen komme. Menschen um die 80 würden außerdem oft stürzen und dabei Schenkel- und Wirbelbrüche erleiden.

Das Problem: Viele Senioren sind nach einem solchen Sturz nicht in der Lage, den Arzt zu rufen. Sie können sich nicht mehr zum Telefon bewegen und es ist niemand in der Nähe, der hilft. „Viele alte Menschen wohnen allein. Wenn sie stürzen, liegen sie oft stundenlang auf dem kalten Boden, trocknen aus und ziehen sich Druckstellen oder Lungenentzündungen zu“, sagt Stephan Prückner, der ebenfalls als Notfallmediziner am Westpfalz-Klinikum arbeitet.

Bei Menschen, die älter als 65 Jahre sind, dauere es im Durchschnitt ein bis drei Stunden, bis nach einem häuslichen Unfall der Notarzt eintrifft, in Extremfällen bis zu zwölf Stunden. Der Hausnotruf – ein Notschalter, den alleinstehende Senioren um den Hals tragen können – helfe da kaum weiter, denn viele Menschen könnten ihn in gefährlichen Situationen, etwa bei einem Schlaganfall, nicht rechtzeitig auslösen, sagt Prückner.

„Unsere täglichen Einsätze zeigen, dass technische Systeme für die Notfallerkennung gebraucht werden“, bekräftigen Madler und Prückner. Beide arbeiten mit dem IESE zusammen, um die Entwicklung solcher Systeme voranzutreiben. Sie betonen, dass sie mit der Technik keine sozialen Netzwerke ersetzen wollen: „Damit die Notfallerkennung funktionieren kann, ist ein Dienstleistungssystem hinter der Technik erforderlich. Die Technik muss an Menschen angebunden sein: Nachbarn, Pfleger, Notärzte.“

Doch eine Wohnumgebung, die den Tagesablauf der Bewohner überwacht und dokumentiert – ist das nicht ein gravierender Eingriff in die Privatsphäre, eine Verletzung des Datenschutzes? „Zunächst kann jeder für sich entscheiden, wie viel technische Bewachung er möchte, er kann das System auch jederzeit abschalten“, sagt der Fraunhofer-Forscher Martin Becker. Die Daten würden auf dem zentralen Computer in der Wohnung gespeichert und damit im Haus bleiben.

Wenn das System doch einmal Informationen nach außen gebe, zum Beispiel in Notfällen, geschehe das verschlüsselt. „Jeder Nutzer kann festlegen, wer Einblick in die Daten nehmen darf“, sagt Becker. „Bei einem Schlaganfall etwa ist es sinnvoll, wenn der Notarzt nachvollziehen kann, was der Patient vorher gemacht hat, ob er zum Beispiel seine Medikamente genommen hat.“ Zudem würden die Informationen nur so lange gespeichert, wie die Ärzte medizinischen Nutzen daraus ziehen können. Anschließend würden die Daten automatisch gelöscht.

Erste Erfahrungen mit „intelligenten“ Wohnumgebungen gibt es schon. So laufen seit mehr als einem Jahr zwei Testsysteme in Londoner Pflegeheimen. Sie sollen Demenzkranken den Alltag erleichtern, indem sie deren Bewegungen und Tätigkeiten beobachten und sie etwa daran erinnern, den Wasserhahn zuzudrehen oder den Herd auszuschalten. Die Erfahrungen sind gut, offenbar hilft das System den Patienten, mehr Kontrolle über ihren Alltag zu bekommen.

„Bisher gibt es in diesem Bereich aber nur Teillösungen“ sagt Becker. „Die Entwicklung eines Gesamtkonzepts, wie wir es anstreben, hat gerade erst begonnen.“ Zurzeit testen die Fraunhofer-Forscher ihr umfassendes Notfall-Erkennungssystem im Labor. Feldversuche unter realistischen Bedingungen, etwa in Pflegeeinrichtungen, sollen aber noch in diesem Jahr beginnen.

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