Wissen : Technik für den Menschen

Bei der Konzeption neuer Bachelor- und Masterstudiengänge kooperiert die TU Berlin mit der Wirtschaft

Fabian Reinbold

Wer an der Programmierung seines Videorecorders scheitert, hat ein Problem. Er kann die Lieblingssendung oder den lang erwarteten Film nicht aufzeichnen. Doch über den persönlichen Ärger hinaus ist komplizierte Alltagstechnik auch ein Problem, das die Wissenschaft beschäftigt.

Wie kommt man zu bedienerfreundlichen Technik? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Masterstudiengangs „Human Factors“, der zum Wintersemester 2006/07 an der Technischen Universität starten soll. Studenten mit einem ersten psychologischen Abschluss sollen gemeinsam mit angehenden Ingenieuren lernen, wie Technik menschenfreundlich und besser bedienbar und damit auch sicherer gemacht wird – vom kleinen Videorecorder bis hin zu den großen Geräten der Luft- und Raumfahrt. Der Studiengang ist einer der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge, mit denen die Technische Universität ihre Stärken betonen und ihr Profil schärfen will.

Aber wie entstehen eigentlich neue Studienangebote? Bei „Human Factors“ begannen die Planungen 2004, als die TU ihren Strukturplan für die Jahre 2005 bis 2009 entwickelte. Schon damals war klar, dass der Diplomstudiengang Psychologie eingestellt werden musste, da wegen der Sparmaßnahmen des Senats die Stellen für klinische Psychologie wegfallen sollten. Ein neues Angebot musste entwickelt werden, denn komplett aufgeben wollte man die Psychologie nicht. Die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren, insbesondere in dem Zukunftsfeld Mensch-Maschine-System, sollte weitergeführt werden. „In der Forschung haben wir uns bereits mit der Beziehung zwischen Technik und Mensch beschäftigt. Es lag nahe, dort einen Ausbildungsgang zu schaffen“, sagt Dietrich Manzey, der die Entwicklung des Studiengangs koordiniert hat.

Dabei stellte sich die Frage, ob es sinnvoll sei, Studierende der Psychologie und der Ingenieurswissenschaften in denselben Veranstaltungen zu unterrichten. Man habe sich für „cross-teaching“ entschieden, sagt Manzey. Im ersten Semester wird es Ingenieursunterricht für Psychologen geben, gleichzeitig werden die Ingenieure an psychologische Denkweisen herangeführt.

Als Ende 2004 der Studienentwurf stand, interessierten sich Manzey und seine Kollegen für die Meinung von Unternehmen. Psychologen und Ingenieure wurden befragt. Wie sinnvoll sind die Lehrinhalte? Wie sind die Berufschancen der Absolventen einzuschätzen? Die Antworten zeigten: Das Konzept passte. Auch innerhalb der Uni habe es viel Unterstützung gegeben. „Das hat mich positiv überrascht“, sagt Manzey.

Diese positiven Erfahrungen teilt Thorsten Beckers. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am „Centrum für Netz-Industrien“ hat den Masterstudiengang „Industrial and Network Economics“ mit konzipiert, dem der Wissenschaftssenator bereits zugestimmt hat. Dabei wird kontrolliert, ob länderübergreifende Qualitätsstandards erfüllt und Lehrkapazitäten ausgeschöpft wurden.

Der Start ist für das Wintersemester 2007/08 vorgesehen. In den Kursen sollen Verkehr, Telekommunikation, Energie, Wasser- und Abfallwirtschaft volkswirtschaftlich analysiert werden. Darauf sollen Antworten gefunden werden. Wie sehen die Wettbewerbsmärkte aus? Wie soll man privatisieren? Wie schafft man neue Infrastrukturen?

Den Anstoß für den neuen Studiengang lieferte die Neuorientierung der Fakultät „Wirtschaft und Management“ in Richtung Netzindustrie, Infrastruktur und Umwelt. „Mit einem breiten, volkswirtschaftlichen Angebot ist man heute nicht mehr konkurrenzfähig. Aber im Bereich der Netzindustrien ist die TU führend“, sagt Beckers. „Industrial and Network Economics“ richte sich am Profil der Universität aus. Zu jedem Teilgebiet des neuen Studiengangs werde bereits auf der technischen Seite viel geforscht.

Nachdem Beckers und seine Kollegen einen Entwurf erarbeitet hatten, holten auch sie eine Rückmeldung aus der Wirtschaft. Es wurden keine Fragebögen verschickt. Man habe einfach informell mit Leuten gesprochen, die man aus verschiedenen Projekten bereits gekannt habe, erzählt Beckers. Den Wirtschaftsvertretern sei es wichtig gewesen, dass die Studenten auch juristisches Wissen erhielten und Gelegenheit hätten, ein Auslandssemester absolvieren zu können.

Von den informellen Kontakten haben beide Seiten etwas, sagt Beckers: Die Wirtschaft erhalte frühzeitig Informationen über den kommenden Studiengang, und die Universität könne auf Bedürfnisse der Unternehmen noch in der Planungsphase reagieren.

Und so glaubt Thorsten Beckers nicht, dass es für die ersten Absolventen neuer Studiengänge ein Nachteil sein werde, einen noch wenig bekannten Abschluss zu haben. „Im Gegenteil: Unsere Absolventen werden deutliche Vorteile haben“, sagt er. Sie würden spezielle Kompetenzen mitbringen, die woanders nicht vermittelt werden. Damit könnten sie sowohl in Bundesministerien als auch in die Wirtschaft oder in Beratungsunternehmen sowie in die Wissenschaft gehen.

Psychologe Manzey sieht für die Absolventen des „Human Factors“-Studiengangs zwar „keinen riesig großen Arbeitsmarkt, aber eine absolut interessante Nische. Wir sind die Ersten in Deutschland, die auf dem Feld so interdisziplinär ausgerichtet sind.“ Gerade das sei die Chance, sich zu etablieren. 2008 sollen die ersten „Human Factors“-Absolventen fertig sein. Sie sollen dann daran arbeiten, dass Technik und Mensch besser zusammen passen. Und Videorecorder gestalten, an deren Programmierung man nicht mehr scheitert.

Die TU-Studiengänge im Internet:

www.studienberatung.tu-berlin.de/studium/haupt.html

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