Technik : Im Tretboot über den Atlantik

Ein muskelbetriebenes U-Boot könnte Meeresforschern neue Einblicke bieten – wenn es denn funktioniert.

Frank Schubert

„Es ist das Verrückteste, was was ich je getan habe und je tun werde.“ Ted Ciamillo übertreibt nicht, wenn er das sagt. Der US-amerikanische Konstrukteur und Entwickler will im November über den Atlantik rudern, in einem selbst gebauten Mini-U-Boot, das er mit Pedalen und Hebeln antreibt.

Der Plan mag übergeschnappt klingen, aber Ciamillo hat durchaus eine Vorstellung davon, worauf er sich einlässt. Er hat bereits verschiedene Unterwasserantriebe entwickelt. Unter anderem konstruierte er eine künstliche Schwanzflosse für Taucher, die „Lunocet“. Ciamillo hat dabei mit einem Meeresbiologen zusammengearbeitet, einem Biomechanik-Spezialisten für die Schwimmbewegung von Walen und Delfinen.

Lunocet besitzt ein Tragflächenprofil und entspricht damit einem Unterwasserflügel. Der Taucher schlägt die künstliche Flosse mit den Beinen auf und ab, ähnlich wie es die Meeressäuger mit ihrer Schwanzflosse tun. Das ist eine sehr effiziente Fortbewegungsart, Delfine erreichen damit mehr als 50 Kilometer pro Stunde und wandeln achtzig Prozent ihrer Muskelkraft in Schub um. Zum Vergleich: Ein normal trainierter Mensch schafft drei Prozent und dümpelt mit zwei bis drei Kilometern pro Stunde dahin. Mit der 1500 Dollar teuren Lunocet erreicht man unter Wasser angeblich bis zu 13 Kilometer pro Stunde und wäre damit doppelt so schnell wie Schwimm-Olympiasieger Michael Phelps.

Das U-Boot, in dem Ciamillo über den Atlantik fahren will, basiert auf dem Konzept der Lunocet. Es ist fünf Meter lang und wird von einer künstlichen Schwanzflosse aus Aluminium und Titan angetrieben. Ciamillo wird in dem Gefährt sitzen und mit den Füßen zwei Pedalen treten, während er gleichzeitig mit den Armen zwei Hebel bewegt. „Das Ganze ähnelt einer Kreuzung aus Stepper-Fitnessgerät und Skitrainer“, sagt der Konstrukteur. Ein Flaschenzugsystem überträgt die Kraft der Arme und Beine auf die künstliche Schwanzflosse des Boots, so dass diese auf und ab schlägt.

Sich so fortzubewegen, wird gewiss anstrengend. Dies umso mehr, da Ciamillos Gefährt ein „feuchtes“ U-Boot ist: Es steht voller Wasser. Eigentlich müsste es untergehen, doch PVC-Schaum und luftgefüllte Tanks verleihen ihm den nötigen Auftrieb. Ciamillo wird einen Taucheranzug tragen und mit Hilfe eines Atemgeräts oder eines Schnorchels atmen. Er will von den Kapverdischen Inseln starten und in 50 Tagen bis zur Antilleninsel Barbados strampeln: 3700 Kilometer quer über den Ozean. Tagsüber will er einige Meter unter dem Wasserspiegel fahren, nachts kommt er an die Oberfläche und schläft in einem Zelt, das auf dem Dach seines U-Boots errichtet werden soll. Wenn der Wind günstig steht, will er einen Drachen steigen lassen, der das Boot über Nacht ein paar Meilen weiter schleppt.

Experten beurteilen das Vorhaben skeptisch. „Mir scheint, dass die Chance eines Erfolgs eher als gering einzuschätzen ist“, sagt Klaus Mattes, Spezialist am U-Boot-Museum Wilhelm Bauer in Bremerhaven. Der Entwurf von Ciamillos Boot mache den Eindruck, als habe es einen hohen Reibungswiderstand im Wasser. Das würde bedeuten, ein Großteil von Ciamillos Muskelkraft geht in Wasserwirbeln verloren und trägt nichts zur Vorwärtsbewegung des Gefährts bei. „Im Zweiten Weltkrieg hat man zwei elektrische Torpedos übereinander angeordnet und einen davon mit zwölf PS angetrieben, das reichte für etwa sieben Kilometer pro Stunde – und Torpedos haben eine weitgehend strömungsoptimierte Form“, vergleicht Mattes. „Wie Ciamillo in seinem Boot 70 Kilometer pro Tag allein mit Muskelkraft schaffen will, und das fünfzig Tage lang, ist mir ein Rätsel.“

Zudem müsste der Abenteurer auf eine 50-tägige Schönwetterphase hoffen, um nicht ernsthaft in Schwierigkeiten zu geraten. Ein Problem, das auch Ciamillo selbst eingesteht. Bei einem Sturm will er abtauchen und das schlechte Wetter aussitzen. Doch was, wenn ihn die See zu tief hinunterzieht oder der Sturm mehrere Tage dauert? „Auf einer Reise wie der, die ich vorhabe, lauern überall im Wasser Gefahren“, meint Ciamillo trocken.

Ob er es über den Atlantik schafft oder nicht, sein U-Boot stößt auf großes Interesse bei Meeresforschern, wie die populärwissenschaftliche Zeitschrift „New Scientist“ berichtet. Meeresbiologen und -ökologen sehen große Vorteile darin, dass das Gefährt so klein ist und sich ohne Motor, also beinahe lautlos, fortbewegt. Bisherige Expeditionen hätten nur einen sehr kleinen Teil der Ozeane erkundet – mit Fangnetzen, geräuschvollen Motorschiffen oder scheinwerferbesetzten U-Booten, die die Unterwasserwelt empfindlich stören.

„Ich erforsche die Ozeane schon lange und bin immer von dem Gedanken frustriert gewesen, wie viele Tiere wir vermutlich nicht zu sehen bekommen, weil wir sie mit unserer Technik vertreiben“, sagt Edie Widder von der Ocean Research and Conservation Association in Fort Pierce (Florida). Ciamillos lautloses U-Boot böte eine hervorragende Möglichkeit, die marine Tierwelt weitgehend ungestört zu beobachten. Widder und Ciamillo wollen eine spezielle Kamera im Bug des U-Boots montieren. Sie soll nach bioluminiszierenden (Licht erzeugenden) Tieren spähen, die nachts aus den Tiefen des Atlantiks aufsteigen, um an der Oberfläche nach Futter zu suchen. Womöglich 80 bis 90 Prozent der Arten im offenen Ozean erzeugen Leuchtsignale, sagt Widder. „Das macht die Biolumineszenz zur am weitesten verbreiteten optischen Verständigungsform auf der Erde.“

Einmal am Tag will Ciamillo sich mit einem Begleitschiff treffen, das ihm während der gesamten Reise folgt. Dann übergibt er die gesammelten Filmaufnahmen und tauscht alte Batterien gegen neue aus. Alles, was ihm während der Reise vor den Bug schwimmt, will er filmen: Wale, Fische und Plankton, aber auch umher treibenden Müll und Ölteppiche. Die Forscher versprechen sich davon wichtige Erkenntnisse über die oberflächennahen Wasserschichten. „Was bei der Fahrt auf jeden Fall herauskommen kann, ist der rekordunabhängige Nutzen für die Wissenschaft“, sagt auch U-Boot-Spezialist Mattes. Und freut sich über das wissenschaftliche Interesse an Ciamillos Gefährt: „Anscheinend wird den Menschen zunehmend klar, dass wir mehr über den Mond wissen als über das, was unter der Oberfläche unseres Planeten passiert.“

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