Technische Universität : Cottbuser Visionen

Die Universität hat sich ein neues Gesicht gegeben. Ein Studiengang ist bundesweit beliebt. Die Studenten sind erfreut über die persönliche Betreuung der Professoren. Vor allem die internationalen Studenten sind begeistert.

Sandra Daßler
BTU
Neues Gesicht: Das Hauptgebäude der Brandenburgischen Universität wurde renoviert und die neue Bibliothek preisgekrönt. -Foto: promo

Walther Zimmerli ist schon einen Schritt weiter: Während alle Welt noch darüber streitet, ob ein CO2-freies Braunkohlekraftwerk überhaupt möglich ist, findet er bereits die Frage interessanter, wie eine CO2-Pipeline beschaffen sein muss. Schließlich könne man die großen Mengen des in den künftigen Öko-Kraftwerken abgeschiedenen Kohlendioxids nicht in Tankwagen transportieren.

Zimmerli ist seit Mai letzten Jahres Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus und er hat jede Menge Visionen. Nicht nur, was die CO2-freien Kraftwerke angeht, obwohl er dazu noch viel zu sagen hätte: "Wussten Sie, dass es Algen gibt, die CO2 fressen? Da könnte man doch [...]"

Technische Universität besser ins Stadtbild eingebunden

Vielleicht liegt Zimmerlis Begeisterungsfähigkeit daran, dass er nicht nur Technologie-Experte ist – er kam von der VW-Auto-Uni aus Wolfsburg – sondern auch Philosoph. Da hat man vielleicht einen schärferen Blick auf die großen Auswirkungen scheinbar kleiner Veränderungen. Zum Beispiel, dass die Uni durch eine Verkehrsinsel zwischen dem gerade modernisierten Hauptgebäude und der preisgekrönten Bibliothek jetzt viel besser in das Stadtbild eingebunden ist.

"Früher sind die Autos da einfach durchgerast", sagt Zimmerli. "Jetzt muss man da langsamer fahren und hat einen neuen Blick auf den Campus – und auf die vielen ausländischen Studenten." Tatsächlich beträgt der Ausländeranteil auf dem Campus rund 20 Prozent. Ein extremer Unterschied zum Rest der Stadt und des Landes Brandenburg, wo nur rund zwei Prozent Ausländer leben. Die meisten der tausend internationalen Studenten kommen aus China, Kamerun, Polen und Bulgarien.

Zehnjähriges Jubiläum

In dieser Woche wurden aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des ersten internationalen Studienganges Environmental and Ressource Management 60 Absolventen aus 15 Ländern eingeladen. "Viele von ihnen arbeiten inzwischen als Wissenschaftler bei internationalen Organisationen oder bei wichtigen Umweltprojekten in ihren Heimatländern", sagt Michael Schmidt, Leiter des Lehrstuhls Umweltplanung. Als er damals vorschlug, in Cottbus englischsprachige Bachelor- und Masterstudiengänge anzubieten, hätten ihn einige Professoren-Kollegen für verrückt erklärt.

Aber das Angebot wurde von den rund 20 Partneruniversitäten der BTU mit Begeisterung angenommen, auch wenn Michael Schmidt anfangs so manche Mail erreichte, in der Studenten aus Asien oder Südamerika fragten, wo genau Cottbus denn liege. Man könne die Stadt auf der Europa-Karte einfach nicht finden.

"Die Betreuung durch die Professoren ist großartig"

Cinthya Guerrero wusste, dass Cottbus zu Ostdeutschland gehört und dass es dort eine Fußballmannschaft sowie manchmal Probleme mit Rassismus geben sollte. Trotzdem entschied sich die Mexikanerin, die in ihrer Heimat Umweltplanung und -technologie studierte, vor zwei Jahren, ihren Master an der BTU zu machen. Sie habe es keinen Tag bereut, sagt die 26-Jährige. "Die Betreuung durch die Professoren ist großartig, an so einer kleinen Uni kennt man sich persönlich und es gibt für ausländische Studenten jede Menge Unterstützung und zusätzliche kulturelle Angebote."

Cinthya Guerrero hat viele Freunde in Cottbus, sie leitet eine lateinamerikanische Tanzgruppe, in der vor allem Deutsche mitmachen. Und sie brennt darauf, das hier erworbene Wissen zu Hause anzuwenden: "In Mexiko gibt es viele Umweltprobleme", sagt sie: Die Luftverschmutzung in Mexiko-City, das verseuchte Wasser in vielen Teilen des Landes, da werden viele Experten gebraucht.

Das eigene Leben als Experiment

Dass man gebraucht wird, gilt natürlich auch für deutsche Studenten, sagt BTU-Präsident Walther Zimmerli. "Als technische Universität profitieren wir von allem, was passiert." Soll heißen, dass technische und technologische Lösungen immer gefragt sind, ob es um die Folgen des Klimawandels, um die Energiekrise mit ihren Auswirkungen auf die Fahrzeugtechnik oder um den Stadtumbau infolge der demografischen Entwicklung geht.

"Wir brauchen hier keine künstlichen Experimente", sagt Zimmerli. Cottbus diskutiert über neue Tagebaue, die Stadt wird wegen der sinkenden Einwohnerzahlen umgebaut – seine Studierenden lebten sozusagen in ihrem Untersuchungsgebiet. Und sie seien durch viele Kooperationsvereinbarungen der Uni, beispielsweise mit dem Energiekonzern Vattenfall oder dem Rolls-Royce-Standort Dahlewitz, hoch motiviert.

Wirtschaftsingenieure bundesweit spitze

Die gemeinsam mit den märkischen Fachhochschulen gestartete Werbekampagne "Go study brandenburg" findet Walther Zimmerli gut. Er glaubt aber, dass sich Studenten bei der Uni-Wahl nicht in erster Linie nach dem Bundesland entscheiden: "Man geht nicht nach Baden-Württemberg, sondern nach Tübingen, nicht nach Brandenburg, sondern nach Frankfurt (Oder), Potsdam oder Cottbus", sagt er.

Um die Zukunft der BTU macht sich Zimmerli keine Sorgen: "Wir sind ja erst 1991 gegründet worden, werden also gerade volljährig." Ein großer Erfolg in diesem Jahr: Das Wirtschaftsingenieurwesen ist beim Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) bundesweit spitze.

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