Technische Universität : Zweikampf um das Amt des TU-Präsidenten

Der Mathematiker Martin Grötschel und der Chemiker Jörg Steinbach konkurrieren um das Amt des nächsten Präsidenten der Technischen Universität Berlin.

Tilmann Warnecke

Der Mathematiker Martin Grötschel und der Chemiker Jörg Steinbach konkurrieren um das Amt des nächsten Präsidenten der Technischen Universität Berlin. Steinbach, der Erste Vizepräsident der TU, und Grötschel, derzeit Vizepräsident des Berliner Konrad-Zuse-Zentrums, wurden am Mittwoch vom Akademischen Senat (AS) der Universität als Kandidaten für die Präsidentenwahl nominiert.

An der TU nominieren die 25 Mitglieder des AS die Präsidenten-Kandidaten, für eine Nominierung waren neun Stimmen nötig. Die Zahl der Stimmen für die Kandidaten wurde nicht bekannt gegeben. Die Wahl könnte schon am 10. Dezember erfolgen, kündigte der amtierende TU-Präsident Kurt Kutzler an. Er scheidet nach acht Jahren aus Altersgründen aus dem Amt.

Mit Grötschel und Steinbach treten zwei langjährige TU-Professoren zur Wahl an. Der 61-jährige Grötschel ist seit 1991 Professor für Angewandte Mathematik an der TU, der 53-jährige Steinbach ist seit 1996 im Bereich Technische Chemie Professor für Anlagen- und Sicherheitstechnik. Als sich die beiden im AS vorstellten, wurden vor allem Differenzen in der Einschätzung deutlich, wie stark die TU derzeit ist. Grötschel zeichnete ein kritisches Bild der TU. Im Gegensatz zu einigen Unimitgliedern sei er „nicht ganz der Meinung, dass wir überall exzellent sind“. Er stehe für „klare Aussagen und knallharte Analysen“ und wolle Schwächen deutlich benennen. „Wir müssen schleunigst zusehen, dass wir uns besser aufstellen und dann zeigen, was wir draufhaben“. Grötschel mahnte, dass andere Unis bei der Ausarbeitung eines Antrags für den Elite-Status in der nächsten Runde der Exzellenz-Initiative bereits deutlich weiter seien als die TU.

Dagegen verwahrte sich Steinbach, der als aktuelles Präsidiumsmitglied schon jetzt für die Exzellenz-Anträge mitverantwortlich ist: „Die indirekte Unterstellung, dass wir hinter anderen Universitäten hinterherhinken, ist grob unfair.“ Er wolle dazu beitragen, dass die TU endlich „aufhört, sich selbst schlecht zu reden“. Bei einem so wichtigen Wettbewerb sollte die TU „mit erhobenem Haupt in den Ring gehen“. Beim jüngst veröffentlichten Forschungsranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft war die TU allerdings auf Platz 27 abgerutscht.

Martin Grötschel kam über mehrere Stationen an die TU: Er studierte in Bochum Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, promovierte in Bonn und nahm dann einen Lehrstuhl in Augsburg an. Zwischendurch forschte er in Sao Paulo und an der Cornell University in den USA. Mit seiner TU-Professur übernahm er auch das Amt des Vizepräsidenten des Konrad-Zuse-Zentrums für Informationstechnik. In Berlin baute Grötschel seit 2002 als Sprecher das DFG-Forschungszentrum Matheon mit auf. 1994 gewann er den Leibniz-Preis, die wichtigste deutsche Auszeichnung für einen Forscher.

Anders als Grötschel hat Jörg Steinbach seine gesamte akademische Laufbahn an der TU absolviert: Er studierte und promovierte dort. Nach seiner Dissertation wechselte er für zehn Jahre zur Firma Schering, bevor er nach seiner Habilitation als Professor an die TU zurückkehrte. Steinbach ist seit 2002 Erster Vizepräsident und für Lehre zuständig. Der Chemiker engagiert sich auch außerhalb seiner Uni für die Lehre: So war er bis September Präsident der Europäischen Gesellschaft für Ingenieurausbildung.

Er wolle die TU zu „mehr Kreativität“ in der Forschung ermuntern, sagte Steinbach vor dem AS. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit werde die Nachwuchsförderung sein. Die „studierendenzentrierte Lehre“ solle weiterentwickelt werden. Er stehe für einen „kommunikativen Führungsstil“, die Verantwortung der Dekane solle gestärkt werden. Grötschel verzichtete dagegen zunächst darauf, sein Programm vorzustellen – es sei den AS-Mitgliedern ja aus den Wahlunterlagen bekannt. Auch in der anschließenden Fragerunde wurde Grötschel abgesehen von den Ausführungen zur Exzellenz nur wenig konkret.

Hinter den Kulissen hieß es, Steinbach habe seine Kandidatur sehr kurzfristig bekannt gegeben. Sein Vorstoß dürfte für viele überraschend kommen, schließlich ist er seit den Querelen um Rechnungshofprüfungen an der TU im vergangenen Jahr umstritten. Damals wurde bekannt, dass die Uni 60 000 Euro für die Renovierung der Wohnung von Kanzlerin Ulrike Gutheil ausgegeben hatte. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen gegen die Kanzlerin und den Präsidenten auf, der Berliner Senat leitete Disziplinarverfahren ein. Steinbach wurde dabei mit der Durchführung des Verfahrens gegen Gutheil betraut, was ihm viel Kritik von den Professoren einbrachte. Von seinen Unterstützern hieß es dagegen, Steinbach habe sich der Aufgabe nicht entziehen können. Nach diesen Vorgängen bewarb sich Steinbach um die Präsidentschaft in Siegen und Bielefeld – allerdings vergebens. Im AS wurde die Affäre gestern nicht angesprochen. Steinbach lobte aber demonstrativ die Arbeit der Kanzlerin.

Die Wahl sei offen, hieß es gestern an der TU. Grötschel könne mit seiner wissenschaftlichen Vita und seiner Erfahrung als Wissenschaftsmanager punkten. Für Steinbach spreche dagegen seine langjährige Gremienarbeit an der TU, die für viele AS-Mitglieder ausschlaggebend sein könnte. Tilmann Warnecke

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