Temperaturrekorde : 2010 war im Durchschnitt heißer

Weltweit wird 2010 wieder ein Rekordjahr, es soll das wärmste seit 131 Jahren sein. In Deutschland war es aber ungewöhnlich kühl.

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Das zu Ende gehende Jahr wird wahrscheinlich das wärmste seit 131 Jahren sein, zumindest im weltweiten Maßstab. Wie Klimawissenschaftler der Nasa berichten, waren die Temperaturen im Zeitraum von Januar bis November so hoch wie in keinem Jahr zuvor. Noch fehlen die Daten für Dezember, um 2010 amtlich zum Rekordjahr zu erklären. Ganz sicher werden die Temperaturen aber denen des bisherigen Spitzenjahres 2005 ebenbürtig sein, glauben die Forscher am Goddard Institute for Space Studies in New York.

„Die Chancen sind groß, dass 2010 das wärmste Jahr wird“, sagt auch der Meteorologe Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin. „Um das zu verhindern, müsste der Dezember sehr kalt sein, und zwar weltweit.“ Zudem sollte man berücksichtigen, dass der Monat nur mit einem Zwölftel in die Jahresbilanz eingeht.

Nach Ansicht des Klimaforschers sind zwei Effekte maßgeblich für die hohen Temperaturen: Die Erderwärmung infolge der stetig steigenden Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre sowie das Phänomen El Niño, das in der ersten Jahreshälfte das Wetter am Äquator dominierte. Bei den alle paar Jahre auftretenden El-Niño-Ereignissen strömt massenhaft warmes Wasser zum Ostpazifik. „Das führt dazu, dass in großen Regionen die Temperatur um rund drei Grad Celsius steigt“, erklärt Cubasch. Diese Veränderungen zeigten sich auch im globalen Maßstab.

Die von Klimaskeptikern gern herangezogene Sonnenaktivität habe an der Erderwärmung nur geringen Anteil, fügt er hinzu. Generell trage der Treibhauseffekt viermal stärker dazu bei als die variierende Sonneneinstrahlung. „Derzeit befindet sich die Sonnenaktivität aber in einem Minimum, was der Erwärmung entgegenwirkt“, sagt Cubasch. „Wenn die Sonne nicht schwächeln würde, wäre die Temperatursteigerung also noch deutlicher.“

Allerdings gebe es Anzeichen dafür, dass es wieder mehr Sonnenflecken gibt, was die globale Durchschnittstemperatur erhöhen dürfte. Im Gegenzug entwickelt sich seit wenigen Monaten im Pazifik ein La-Niña-Zustand, das kalte Gegenstück zu El Niño. Cubasch rechnet deshalb mit einem etwas kühleren Jahr 2011 – „vielleicht um ein oder zwei Zehntelgrad“. Weil das Temperaturniveau insgesamt schon weit oben ist und der Treibhauseffekt zunimmt, wird auch das nächste Jahr eines der wärmsten seit Beginn der Aufzeichnung werden, schätzt er.

Für Deutschland fällt die Bilanz deutlich anders aus. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wird 2010 das kälteste Jahr seit 1996 sein. 8,0 Grad wird wohl die Durchschnittstemperatur für das gesamte Jahr betragen. „Das sind 0,2 Grad weniger als im Zeitraum von 1961 bis 1990“, sagt Gerhard Müller-Westermeier, Leiter des Bereichs Klimaanalyse beim DWD. Von einem Negativrekord sei man aber weit entfernt. „In der Liste der kalten Jahre seit 1901 wird 2010 etwa auf Platz 30 stehen.“

Warum ist die Temperaturentwicklung in Deutschland so anders als im globalen Maßstab? „Je kleiner eine Fläche, umso eher sind Abweichungen vom generellen Trend möglich“, sagt Müller-Westermeier. „Deutschland umfasst ja nicht mal ein Tausendstel der Erdoberfläche.“

In diesem Jahr war das Wetter oft von Blockadelagen beeinflusst. Sie gehen zurück auf den Jetstream, eine Starkwindzone in der höheren Atmosphäre. Schaute man aus dem All auf die Nordhalbkugel, würde man häufiger sehen, dass dieses Band wie ein riesiger Fluss Kurven von hunderten Kilometern beschreibt. Normalerweise wandern diese Kurven langsam von West nach Ost. „Dieses Jahr blieben sie oft stehen“, sagt Müller-Westermeier. Da der Jetstream wie eine Barriere wirkt, strömte dann wochenlang Luft aus derselben Richtung in die „Flusskurven“ hinein. Auf diese Weise kam im April und Juli vorrangig warme Luft aus dem Süden nach Deutschland und es wurde ungewöhnlich heiß. Im Januar, August und jetzt im Dezember hingegen kam die große Kälte von Norden her. Unterm Strich fällt 2010 hierzulande kühler aus.

Wie sich die Temperaturen in Deutschland 2011 entwickeln werden, lasse sich kaum abschätzen, sagt Müller-Westermeier. „Der Zusammenhang zwischen La Niña beziehungsweise El Niño und dem Wetter in Mitteleuropa ist sehr dürftig.“ Daher seien Prognosen recht unsicher.

Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven sieht das ähnlich: „Generell ist das Wettergeschehen in den Tropen nicht so variabel wie bei uns, deshalb können die Rechenmodelle etwa den Verlauf eines El-Niño-Ereignisses über mehrere Monate gut vorhersagen.“

In Europa kommen die Modelle früher an ihre Grenzen. Zwar gibt es auch Abschätzungen für die nächsten Jahrzehnte, doch das sind eher langfristige und grobe Trends. „Gerade bei der Frage, was in den nächsten fünf bis zehn Jahren bei uns passiert, gibt es noch eine große Lücke“, sagt Lemke. Das sei ein spannendes Thema, an dem mehrere Forscherteams arbeiten.

Auch Lemke schätzt, dass wegen La Niña die Temperaturen weltweit zunächst etwas weniger steigen werden. „Auf das Niveau der 60er bis 90er Jahre werden sie aber nicht mehr zurückgehen.“ Langfristig werde es spürbar wärmer. „Außer 2009, als es eine Wirtschaftskrise gab, war der CO2-Ausstoß in den vergangenen Jahren stets am oberen Limit der pessimistischen Szenarien des Weltklimarates.“ Wenn es so weitergeht, wird die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts nicht nur zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen, schätzt Lemke. „Dann werden es eher vier Grad sein.“

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