Wissen : Teurer studieren

Eine neue Privathochschule polarisiert Großbritannien.

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Erlesen. Die Unigründer sehen selbst Cambridge und Oxford in der Krise. Foto: dpa
Erlesen. Die Unigründer sehen selbst Cambridge und Oxford in der Krise. Foto: dpaFoto: picture alliance / Daniel Hopkin

Einige Ökonomiestudenten sitzen in Großbritanniens kleinster und teuerster Uni vor einem Whiteboard und lernen für die Prüfung. „Statistik ist am schlimmsten“, sagt Paul Hoffschmidt, einer von zwei Deutschen unter den 60 Studenten des ersten Jahrgangs am „New College of the Humanities“. Die Atmosphäre ist entspannt. Hinter einer offenen Tür sitzt die Dozentin, bereit, jederzeit zu helfen. Nichts zeigt, dass das Studieren hier 18 000 Pfund im Jahr kostet, auch nicht das zusammengewürfelte Mobiliar in dem etwas verstaubten Gebäude am Bedford Square.

Als A. C. Grayling, Philosophie-Professor am Birkbeck College der Universität London, vor zwei Jahren seine Pläne für das private „New College of the Humanities“ vorlegte, war die Entrüstung groß. Gerade hatte die Regierung die Verdreifachung der Studiengebühren bis 9000 Pfund für die staatlichen Hochschulen durchgeboxt. Es gab Krawalle und Demos für das Recht aller auf ein Hochschulstudium. Eine so teure Privatuni war eine Provokation. „Eine widerliche Polarisierung, die Staatsunis zu Unis zweiter Klasse macht“, schimpfte der marxistisch geprägte Literaturtheoretiker Terry Eagleton (Lancaster University).

„Wir waren Blitzableiter für die Wut gegen die Kürzungen", sagt Grayling. Der durch Löwenhaar und kämpferischen Atheismus bekannte Philosoph plante sein College in Jahren wachsender Frustration mit der staatlichen Hochschulpolitik. Sinkende Gelder und steigende Studentenzahlen zehrten vor allem die Geisteswissenschaften aus. Als dann die Regierung die Zuschüsse für die Lehre überproportional kürzte, war Graylings Schmerzgrenze erreicht. Sogar für die Elite-Colleges von „Oxbridge“ sei der alte Studienstandard mit „One-to-One“-Tutorials „zu teuer und zu zeitaufwendig“.

Nun zieht das „New College for the Humanities“ gegen die Massenuni und für alte Studientraditionen ins Feld. „Elitär, aber nicht exklusiv“ ist das Motto. Geld soll kein Hindernis sein. „Wir treten energisch für unbehinderten Zugang zur Hochschulbildung ein“, erklärt die Collegeleitung. In interner Vermögensumverteilung wird aus den Gebühren ein Fonds gespeist, von dem im ersten Jahr über 30 Prozent der Studenten Stipendien oder Gebührenerlass bekamen.

Einer der Stipendiaten ist Paul Hoffschmidt. Er wechselte nach der zehnten Klasse von seiner deutschen Schule an ein College in Oxford und machte das Internationale Baccalaureat. Seine Lehrer ermunterten ihn, sich bei dem neuen College zu bewerben. „Eigentlich ist es mehr wie eine Schule als eine Universität“, sagte er; ihm gefalle das. Noch hat die Uni nur 28 Vollzeit-Kräfte und 60 Studenten statt der ursprünglich geplanten 200. Ist das ein nachhaltiges Geschäftsmodell?

Nach einer Kapitalaufstockung auf mindestens zehn Millionen Pfund sind die Hauptinvestoren neben Grayling die Schweizer Besitzer der Uhrenfirma Chronoswiss, Oliver und Eva Maria Ebstein, die ein Viertel der Anteile besitzen. Auch einige der akademischen Superstars, die mit Gastvorlesungen das Renommee des College aufpolieren und die Studenten stimulieren sollen, haben Anteile gezeichnet – wie der Oxforder Ökonom Partha Dasgupta oder der Naturwissenschaftler Richard Dawkins. Wann die Gewinnzone erreicht werden soll, wird nicht verraten. „Wir sind langfristig engagiert, Bildung höchster Qualität zu vermitteln“, lautet die Antwort.

Hochschulminister David Willetts von den Konservativen begrüßt die Initiative, weil sie zum Reformkurs der Tories passt, mit dem sie das „monolithische, staatsgesteuerte Bildungssystem“ durch einen Wettbewerb der Modelle „vielfältiger“ machen wollen. Staatliche Gelder gibt es nicht für private Colleges. Aber Grayling will nun auch eine „free school“ gründen, eine der neuen Privatschulen, die Staatsgelder bekommen.

Im nächsten Jahr werde das College 100 neue Studenten aufnehmen, sagt Marie-Anne Martin, zuständig für die internationale Studienbewerber. „Aber wir brauchen keine bestimmte Zahl, um einen Kurs durchzuführen“. Wichtiger sei, die fähigsten und neugierigsten Studenten zuzulassen. Die Anforderungen sind ähnlich hoch wie an den staatlichen Unis. Deutsche Abiturienten müssen einen Notendurchschnitt von 1,4 und 12 Punkte in Englisch vorweisen.

Neben den Pflichtmodulen der von der Uni London übernommenen Studienordnung für die Fächer Ökonomie, Englisch, Geschichte, Philosophie und Jura müssen die Studenten Kurse für ein zusätzliches „NCH Diplom“ belegen. Dazu gehören etwa angewandte Ethik, Logik und Wissenschaftskompetenz. „Man muss seinen Tag schon strukturieren. Wenn im Tutorium nur ein oder zwei Studenten sind, ist es peinlich, wenn man nicht vorbereitet ist“, sagt Paul. Ein zusätzliches Berufsprogramm vermittelt von der ersten Studienwoche an Karrierekompetenzen. Es hat Paul schon von seinem Wunsch abgebracht, Banker zu werden. Jetzt will er lieber bei einer internationalen Organisation arbeiten. Matthias Thibaut

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