Wissen : Theater als Zukunftsforschung

Ich begreife Theaterwissenschaft als eine Lebenswissenschaft besonderer Art. Theater stellt ein Laboratorium dar. In ihm werden unter bestimmten, von den Künstlern nur zum Teil zu kontrollierenden Bedingungen die unterschiedlichsten menschlichen Möglichkeiten erprobt: Ausdrucksmöglichkeiten, Verhaltensweisen, Gefühlsmuster. Hier werden Experimente am Menschen vollzogen – an den Akteuren wie an den Zuschauern. Damit soll nicht ermittelt werden, über welche Fähigkeiten „der“ Mensch verfügt. Vielmehr werden neue Möglichkeiten hervorgebracht. Was könnte aufregender sein als die Arbeit einer Wissenschaftlerin, die solche Experimente begleitet? Was könnte optimistischer stimmen als die Entdeckung von Möglichkeiten, wie Menschen unterschiedlichster Herkunft ihre Differenzen für eine gemeinsame Sache produktiv machen? Für eine Theaterwissenschaft, die in diesem Sinne Zukunftsforschung betreibt, öffnet sich hier ein weites Feld.

Erika Fischer-Lichte, 64, ist Theaterwissenschaftlerin an der FU und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Kulturen des Performativen“.

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