Theaterausbildung : Großes Theater

Zwei FU-Wissenschaftlerinnen haben ein millionenschweres Forschungszentrum nach Berlin geholt. Dafür setzten sie sich gegen 35 Mitberwerber durch.

Amory Burchard

Berlin wird zu einem Zentrum der Theater- und Tanzforschung, das Wissenschaftler aus aller Welt anziehen soll. An der Freien Universität entsteht ein „Internationales geisteswissenschaftliches Kolleg“ zur „Verflechtung von Theaterkulturen“. Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte und die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter haben sich in einem bundesweiten Wettbewerb gegen die Konkurrenz von 35 Projekten durchgesetzt und eines von drei durch das Bundesforschungsministerium geförderten Kollegs nach Berlin geholt. Erfolgreich waren auch ein Vorhaben der Bauhaus-Universität Weimar zur Kulturtechnikforschung und eines von der Ruhr-Universität Bochum zur Religionswissenschaft. Die Kollegs werden für zunächst sechs Jahre eingerichtet und sind mit insgesamt 28 Millionen Euro finanziert.

„Interkulturelles Theater wird immer wichtiger“, sagt Erika Fischer-Lichte. Bislang habe sich die deutsche Theaterwissenschaft – mit bundesweit elf Instituten ein kleines Fach – nur punktuell damit beschäftigen können. Jetzt werde Berlin weltweit ein Zentrum für die Erforschung der Verflechtung von Theaterkulturen – mit dem neuen Kolleg, seiner reichen Theater- und Tanzszene und dem Haus der Kulturen der Welt.

Theater als Laboratorium

Wie international zusammengesetzte Ensembles funktionieren, wie sie ohne eine gemeinsame Sprache und aus unterschiedlichen Körperkulturen heraus zu einem gemeinsamen Spiel finden: das ist eine Fragestellung für das Berliner Kolleg. Diese Verständigungsprozesse sollen „für andere kulturelle Bereiche produktiv gemacht werden“, sagt Fischer-Lichte. Theater werde so zu einem „Laboratorium, in dem man neue Möglichkeiten des Zusammenlebens, kultureller Identität und sozialer Gemeinschaft durchspielt und damit erprobt“.

Sechs Jahre lang können die Professorinnen bis zu zehn Gastwissenschaftler gleichzeitig einladen. Wird die Arbeit eines Kollegs positiv bewertet, kann es um sechs Jahre verlängert werden. Weitere Kollegs sollen ausgeschrieben werden. Mit den drei in der ersten Runde erfolgreichen Vorhaben sei „ein Anfang gemacht“, sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan dem Tagesspiegel. „Gerade in den kleinen Fächern hat sich das neue Förderinstrument gut herumgesprochen.“ In der nächsten Runde würden sicherlich Anträge auch aus großen Fächern hinzukommen. Die Forschungskollegs seien ein geeignetes Instrument für die geisteswissenschaftliche Spitzenforschung in Deutschland, mit dem sie ihre internationale Führungsrolle ausbauen könne, sagt Schavan. Die Forscher sollen mit Kollegen aus dem Ausland „eine Lerngemeinschaft bilden“, Methoden und Fächerkulturen hinterfragen, weiterentwickeln und über Disziplinen und Regionen hinweg besser zusammenarbeiten.

Zweifellos ist das neue Forschungskolleg ein großer Gewinn für die ohnehin schon starken Berliner Geisteswissenschaften. Laut DFG-Forschungsranking ist die FU die bundesweit drittmittelstärkste Uni in den Geisteswissenschaften, Berlin wird für diese Fächer als stärkste Region charakterisiert.

Die Lehre soll nicht zu kurz kommen

Aber sind die Kollegs womöglich eine Schwächung für die Lehre in den Geisteswissenschaften? In seinem ansonsten positiven Gutachten zur Situation der Fächergruppe hatte der Wissenschaftsrat 2006 eklatante Mängel in der Lehre beanstandet. Die Leiter der ebenfalls auf Empfehlung des Wissenschaftsrats eingerichteten geisteswissenschaftlichen Kollegs sollen nun weitgehend von der Lehre freigestellt werden und „persönlichen Freiraum gewinnen, um selbstgewählten Forschungsfragen nachgehen zu können“. Werden Forschung und Lehre – die ureigenste Aufgabe eines deutschen Universitätsprofessors – dadurch auseinanderdividiert? „Im Gegenteil“, sagt Gabriele Brandstetter, „wir bekommen ja durch die internationalen Fellows Zuwachs in der Lehre.“ Diese sollten zwei Stunden pro Woche Lehrveranstaltungen anbieten. Das Kolleg biete eine weitere Gelegenheit, vor allem Masterstudierende und Doktoranden in die Forschung einzubeziehen. Formell freigestellt und von einem Theaterwissenschaftler vertreten wird zunächst Erika Fischer-Lichte, die sich aber weiterhin in der Lehre engagieren will – auch bei Einführungsveranstaltungen für Bachelorstudierende.

Die derzeitige Lehrverpflichtung für Professoren von neun Semesterwochenstunden sei allerdings generell zu hoch, um intensiv forschen zu können, sagt Fischer-Lichte. Auch sie sieht die Gastwissenschaftler der Kollegs als Bereicherung für die Lehre an der FU, zumal auch Regionalwissenschaftler eingeladen werden, unter anderem aus Lateinamerika, Ostasien, dem Vorderen Orient und Afrika. Schavan bezeichnet die Vertretungsstellen zudem als „attraktives Angebot für Nachwuchsprofessoren“.

„Das höchste Gut – Zeit“ sollen Geisteswissenschaftler in den Kollegs erhalten. Wie viel Zeit aber bleibt zum Forschen, wenn man eine ganze Forschungseinrichtung managt? Genug, sagt Fischer-Lichte. Die Verwaltung übernehme weitgehend die Geschäftsstelle, es gibt dort eine Sekretärin, einen Koordinator und auch fachliche Unterstützung. Ein Haus für das Kolleg ist auch schon gefunden: Gegenüber dem Institut für Theaterwissenschaften in der Grunewaldstraße (Dahlem) ist eine FU-Villa freigeworden. Der Elfenbeinturm also wird nur ein paar Schritte vom Basislager errichtet.

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