Theaterpädagogik : Mit der Nähmaschine auf der Bühne

Boomende Branche: Die Theaterpädagogen arbeiten für ihre Abschlussarbeiten mit ungewöhnlichen Akteuren.

Lorna Lüers
Geräte und ihre Menschen. Die Abschlussinszenierung der Theaterpädagogikstudentinnen Friederike Dunger und Isabelle Zinsmaier.
Geräte und ihre Menschen. Die Abschlussinszenierung der Theaterpädagogikstudentinnen Friederike Dunger und Isabelle Zinsmaier.Foto: Sonia Teruel

Ein Mittwochabend bei den Theaterpädagogen. Endprobe einer Inszenierung. Auf der Bühne: 14 Menschen, darunter ein Physiotherapeut, eine ausgebildete Tänzerin und mehrere Studentinnen – allesamt keine Schauspielprofis, aber mit viel Engagement dabei. „Vergesst nicht, das Publikum mitzudenken. Nächste Woche sitzen dort 60 Zuschauer!“, ruft Sabine Kuhn, die mit ihrem Kommilitonen Julian Maier die Probe leitet. Beide studieren an der UdK Berlin im Masterstudiengang Theaterpädagogik und stehen kurz vor ihrem Abschluss. Als Teil ihrer Prüfung erarbeiten die Studierenden innerhalb von zwei bis drei Monaten eine Inszenierung mit einer Gruppe aus nicht-professionellen Darstellern.

Auch Friederike Dunger, Isabelle Zinsmaier und Corina Liechti gehören zu den zehn Studierenden der Abschlussklasse. Für ihre Abschlussprojekte haben sie alle sehr verschiedene Herangehensweisen gewählt, erklären sie. Corina erforscht mit ihrer Gruppe aus sieben Frauen zwischen 25 und 55 Jahren die Thematik des Erwachsen- und Frau-Werdens. Die eigenen Erinnerungen der Teilnehmerinnen sind dabei maßgeblich in die Entwicklung des Stückes eingeflossen. „Wir haben gerade am Anfang viel improvisiert“, beschreibt Corina. „Es war sehr spannend zu sehen, was die Gruppe anbietet.“

Friederike und Isabelle baten ihre Teilnehmer, Geräte aus ihrem Arbeitsalltag mitzubringen. Mit viel Witz und Ironie ergründeten sie die jeweils persönliche Beziehung zu diesen Geräten. Mit dabei sind zum Beispiel ein Papierschredder, eine Nähmaschine, ein Fahrrad oder auch ein Locher. All diese Alltagsgegenstände werden später auf der Bühne als „gleichberechtigte Partner“ mit ihren menschlichen Kollegen agieren.

In den Abschlussprojekten des Masterstudiengangs werden sowohl die Prozesse der Erarbeitung als auch die künstlerische Leistung bewertet. Ulrike Hentschel, der Leiterin des Instituts für Theaterpädagogik, ist die Förderung der individuellen theatralen Ausdrucksmöglichkeiten der Studierenden besonders wichtig: „Ich verwende dafür gern den Begriff der ästhetischen Bildung, der neben der Aneignung von künstlerischem Wissen eben immer auch einen Moment der Reflexion und der kritischen Distanznahme beinhaltet.“

"Theaterpädagogik ist eine boomende Branche"

Schließlich sollen die angehenden Theaterpädagogen in ihrer Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder anderen Gruppen nicht nur Projekte erarbeiten, die einen pädagogischen Zweck erfüllen, sondern dabei auch eine eigene künstlerische Handschrift entwickeln. Für Friederike ist es vor allem die Verknüpfung von Theorie und Praxis, die das Studium an der UdK Berlin auszeichnet: „Als Theaterpädagogen müssen wir in jedem einzelnen Moment einer Probe sehr viel wahrnehmen, verarbeiten und Entscheidungen treffen. Es passiert unglaublich viel gleichzeitig: auf der sozialen Ebene, auf der künstlerischen, der gruppendynamischen und auf der dramaturgischen Ebene. Je mehr Erfahrung man damit schon im Studium gesammelt hat, umso besser.“

So unterschiedlich wie die Projekte des Abschlussjahrgangs sind auch die beruflichen Möglichkeiten. „Die Theaterpädagogik ist eine boomende Branche“, sagt Ulrike Hentschel. Denn die Absolventen arbeiten nicht nur an Theater- oder Opernhäusern sondern suchen oft auch den Weg in die Selbstständigkeit – und das mit Erfolg. In immer mehr Arbeitsbereichen werden theaterpädagogische Methoden angewandt, zum Beispiel im sozialpädagogischen Bereich oder im Arbeitsfeld der kulturellen Bildung, im Fremdsprachenunterricht oder sogar bei Fortbildungen im betrieblichen Management. An der UdK Berlin ist das große Interesse auch an den steigenden Bewerberzahlen abzulesen: Bis zu zehn Bewerber kommen auf einen Studienplatz.

Die Studentinnen Friederike, Corina und Isabelle haben für die Zeit nach dem Abschluss noch keine konkreten Pläne. Friederike möchte projektbezogen arbeiten. Isabelle überlegt, eine Promotion anzuschließen. „Aber jetzt feiern wir erst mal alle zusammen unseren Abschluss“, sagt sie und lacht.

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