Wissen : Therapie im Team

Zusammenarbeit von Fachärzten sollte bereits in der Notaufnahme beginnen

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Sollte der Notfallpatient dem Chirurgen vorgestellt werden oder doch eher dem Internisten? Die moderne Medizin mit ihren teilweise enorm spezialisierten Ärzten stellt die strikte Abgrenzung der Fächer immer häufiger infrage. Das wurde auch beim Chirurgenkongress deutlich.

Von einem der vielen Beispiele berichtete der Herzchirurg Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover: der Einsatz künstlicher Herzklappen. „45 Jahre lang war es so, dass der Kardiologe die Diagnose gestellt hat, dann haben wir Herzchirurgen den Fall übernommen.“. Eine neue Form der Aortenklappe, die über einen Herzkatheter oder einen „Schlüsselloch“-Zugang im Bereich der Brust ins Herz gelangt, macht das Teamwork beider Ärztegruppen jetzt zwingend erforderlich. „Sie kann überhaupt nur eingesetzt werden, wenn beide dabei sind“, machte der Mediziner deutlich. Bisher sei die Methode Patienten mit hohem Operationsrisiko vorbehalten, denen ein Eingriff am offenen Herzen nicht zuzumuten ist. Doch das könnte sich in den nächsten Jahren ändern, sagte Haverich.

Auch beim klassischen Ersatz einer Herzklappe wird die Zusammenarbeit zwischen internistischen und chirurgischen Herzspezialisten wichtiger. Während die Chirurgen in den letzten Jahren lernen mussten, die immer raffinierteren Bilder vom Herzen zu deuten, kämen die Kardiologen zunehmend dazu, diese Bilder „mit der Brille des Herzchirurgen“ zu betrachten, sagte Haverich. Idealerweise setze sich die Zusammenarbeit im Operationssaal fort, wo man noch während des Eingriffs über Korrekturen spreche, die die Funktion der Klappe weiter verbessern könnten. Von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ist zudem der Anstoß für ein gemeinsames Register gekommen, in dem alle Herzklappenoperationen erfasst werden sollen, um den Verlauf umfassend dokumentieren und die Methoden miteinander vergleichen zu können.

Auf den Intensivstationen, wohin viele Patienten nach solchen schweren Operationen verlegt werden, wird vielerorts die Verantwortung heute in „Doppelspitzen“ zwischen den Fachdisziplinen geteilt. Während die Chirurgen für das Grundleiden und dessen Heilung zuständig sind, behandeln die Anästhesisten die lebenswichtigen Körperfunktionen – und nicht zuletzt die Schmerzen. „Durch Interdisziplinarität konnten wir einen Qualitätssprung nach oben machen“, berichtete der Unfallchirurg Reiner Gradinger vom Münchner Klinikum rechts der Isar.

Teamwork ist oft am Anfang der Behandlungskette wichtig, wenn Patienten in der Notaufnahme eines Krankenhauses ankommen. „Mehr als ein Drittel unserer Patienten sind nicht einem Fachgebiet zuzuordnen“, sagte Raik Schäfer von der Zentralen Notaufnahme der Uniklinik in Jena. Die Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notaufnahme leitet daraus die Forderung ab, einen eigenen Facharzt für Notfallmedizin einzuführen.

Doch das ist umstritten. „Wir sind nicht der Meinung, dass wir einen solchen Tausendsassa brauchen“, entgegnet etwa Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Dort setzt man eher auf eine interdisziplinär besetzte Notaufnahme, in der möglichst schnell die Weichen für eine Betreuung durch den passenden Facharzt gestellt werden.

Auch der Diabetes vom Typ II („Alterszucker“) könnte schon bald eine Erkrankung sein, die von Internisten und Chirurgen gemeinsam behandelt wird. Markus Büchler von der Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie der Uni Heidelberg berichtete über Operationsverfahren, die bei einigen Patienten die Zuckerkrankheit heilen könnten. Die Rede ist von Magenumgehung („Magen-Bypass“) und Magenverkleinerung („Schlauchmagen“), also von Behandlungen, die eigentlich für schwer Übergewichtige entwickelt wurden. Eher zufällig hat sich gezeigt, dass damit oft auch die Symptome des Diabetes zurückgehen. Und das nicht erst, wie zu erwarten, durch die Gewichtsabnahme, die sich nach der Magenverkleinerung einstellt, sondern unmittelbar nach dem Eingriff. „Inzwischen wurden an einzelnen Zentren auch Diabetiker ohne schwere Fettsucht operiert, das Ergebnis ist beeindruckend und blieb über drei Jahre erhalten“, berichtete der Bauchchirurg.

Noch ist unklar, ob die Wirkung dauerhaft ist. Die Magenoperation kommt deshalb als Diabetes-Therapie ausschließlich innerhalb von wissenschaftlichen Studien infrage und muss von einer umfassenden ärztlichen Betreuung flankiert werden – bisher.

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