Tiefseebohrungen : Riskante Schatzsuche

07.09.2010 19:05 UhrVon Ralf Nestler
Ölquelle. Selbst im normalen Betrieb gelangen von den rund 730 Bohrplattformen im Nordostatlantik jährlich rund 10 000 Tonnen Öl ins Wasser. Foto: p-a/dpa
Ölquelle. Selbst im normalen Betrieb gelangen von den rund 730 Bohrplattformen im Nordostatlantik jährlich rund 10 000 Tonnen Öl ins Wasser. - Foto: p-a/dpa

Nach Öl zu bohren, ist riskant. Nach der Explosion auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon" streiten Experten, ob Tiefseebohrungen zu gefährlich sind.

780 Millionen Liter Öl sind nach der Havarie der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ in den Golf von Mexiko geflossen. Ist die verheerende Ölpest eine Ausnahme – oder wird man sich in Zukunft häufiger auf solche Ereignisse einstellen müssen, weil die Ölförderung in tiefen Gewässern viel schwieriger ist als an Land? Zu diesem Thema diskutierten am Montagabend vier Experten beim „Berliner Zukunftsgespräch“ des RBB-Inforadios in der Landesvertretung Schleswig-Holstein.

Nach Öl zu bohren, ist immer riskant. Das stellte Matthias Reich, der einzige deutsche Professor für Tiefbohrtechnik, gleich zu Beginn klar. Neben dem Öl gebe es auch Gas in der Lagerstätte, es herrscht Überdruck.

„Wenn man in einen Hochdruckbehälter bohrt, ist das gefährlich“, sagte der Wissenschaftler von der TU Freiberg. „Aber die Industrie hat 150 Jahre Erfahrung, um damit umzugehen.“ Aus seiner Sicht ist das Desaster im Golf nicht auf unausgereifte Technik zurückzuführen, sondern weil sich Menschen über „gültige und erprobte Vorschriften hinweggesetzt haben“.

Dem stimmte die Umwelttoxikologin Heidi Foth von der Universität Halle-Wittenberg zu: „Außerdem standen die Arbeiter unter einem großen Entscheidungsdruck, was zu tun sei.“ Jede Verzögerung kostet die Ölfirmen viel Geld.

Mit „menschlichem Versagen“ allein wollte sich Jürgen Knirsch von der Umweltschutzorganisation Greenpeace aber nicht zufriedengeben. „Warum hat es dann drei Monate gedauert, um das Loch zu schließen?“ Offensichtlich habe man Tiefseebohrungen nicht im Griff. Seine Organisation fordert daher: Keine Bohrungen in Gewässern, die tiefer sind als 200 Meter. Denn bis dort können Taucher eingesetzt werden, die weitaus geschickter sind als Unterwasserroboter.

Rolf Kreibich vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung sieht Tiefseebohrungen ebenso kritisch. „So lange wir die nicht beherrschen, sollten wir es bleiben lassen.“ Er bezweifelt auch, dass man aus dem Unfall der Deepwater Horizon gelernt habe. „Die Ölkonzerne wollen genau so weiterarbeiten wie bisher, das sieht man daran, wie heftig sie Obamas Moratorium für weitere Tiefseebohrungen angreifen.“

Heidi Foth ist weniger strikt. Eine konkrete Wassertiefe, von der an die Ölförderung tabu sein sollte, erachtet sie als ungeeignet. Sie favorisiert einen anderen Ansatz. Für jedes Vorhaben soll ein Plan erstellt werden, der zeigt wie auf sämtliche bekannten und denkbaren Pannen reagiert werden kann. Mögliche Umweltschäden sollten ebenfalls abgeschätzt werden. Dann entscheidet eine unabhängige Behörde, ob das Risiko vertretbar ist oder nicht.

„Die Firmen bohren nicht aus Spaß in der Tiefsee, sondern weil die Gesellschaft nach immer mehr Öl verlangt“, fügte Matthias Reich hinzu. „Es liegt an uns selbst, diesen Verbrauch zu senken.“

Das RBB-Inforadio (93,1 MHz) sendet die Diskussion am Sonntag, 12. September, um 11:05, 16:05 und 21:05 Uhr.

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