Tiere : Unsichtbare Nachbarn

Seit Jahrtausenden leben Wildkatzen versteckt in unseren Wäldern. Selbst Experten haben Mühe, die Tiere aufzuspüren.

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Erwischt. Geschickt fängt diese Europäische Wildkatze ihre Beute im Sprung. -Foto: p-a/dpa

Nichts regt sich im dichten Gebüsch am Waldrand im Nationalpark Hainich im Westen Thüringens. Doch als ein brauner Fleck vor dem Dickicht über den Boden huscht, scheint der Busch zu explodieren. Urplötzlich schießt ein grauer Schatten auf die braune Rötelmaus zu, deren Leben abrupt im Maul der heranspringenden grau getigerten Katze endet. Allerdings holt sich hier nicht etwa ein streunender Hauskater ein Zubrot, hier sichert eine Wildkatze ihren Lebensunterhalt. Und die mag zwar aussehen wie ein grauer Stubentiger, gehört aber zu einer völlig anderen Unterart. Während die Wildkatze in Mitteleuropa wohl seit einer Million Jahren durch die Wälder streift, kam die Hauskatze erst mit den Römern vor 2000 Jahren über die Alpen.

Inzwischen schleichen mehrere Millionen Hauskatzen durch die Dörfer und Städte Mitteleuropas. Bei der Frage nach der Zahl der Wildkatzen schütteln Zoologen wie der Spezialist für mitteleuropäische Raubtiere Thomas Mölich nachdenklich den Kopf. Einige Tausend dürften es hierzulande sein. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Waldkatze versteckt lebt.

Im Auftrag der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt/Main (ZGF), des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und anderer Organisationen versucht Thomas Mölich seit Beginn des 21. Jahrhunderts Licht in das Leben der Wildkatzen zu bringen. Dabei konzentriert sich der Biologe vor allem auf den Hainich. Dieser Nationalpark ähnelt nämlich noch ein wenig dem Urwald, durch den die Wildkatze schon vor 2000 Jahren im alten Germanien schlich. Damals waren Dreiviertel des heutigen Deutschlands von dichten Buchenwäldern bedeckt, auf deren Boden reichlich Totholz lag. Genau so ein Stück Wald entstand in einem „Hainich“ genannten Höhenrücken, als dort die Nationale Volksarmee der DDR und die Rote Armee den Krieg unmittelbar neben der innerdeutschen Grenze übten. Nach dem Abzug der Truppen wurde dort der Nationalpark Hainich gegründet.

Mit einiger Mühe fing Mölich in dieser neuen Wildnis neun Wildkatzen und bewies damit zunächst einmal, dass Felis silvestris überhaupt durch den Nationalpark schleicht. Mit kleinen Sendern an Halsbändern ließ der Forscher die gefangenen Tiere wieder frei und verfolgte mithilfe von Peilantennen die Signale und damit die Wege der einzelnen Tiere. So erfuhr der Forscher eine ganze Menge über den Alltag der Wildkatzen.

Felis silvestris ist demnach ein echter Waldbewohner und trägt daher auch seinen Zweitnamen „Waldkatze“ zu Recht. Weiter als 200 Meter entfernen sich die Katzen des Hainich jedenfalls nicht vom Waldrand. Dort geben ihnen viele Büsche Deckung, aus der sie kleinen Nagetieren auflauern, die vor dem Dickicht über das freie Feld flitzen. In dichten Weiß- oder Schwarzdornhecken verbringt die Katze gern den Tag, hat Mölich beobachtet. Selbst wenn in drei Metern Entfernung Spaziergänger vorbeikommen, lässt die Katze das kalt. Nur frei laufende Hunde schrecken sie auf. Fehlt dagegen die Deckung, wagt die Wildkatze sich nicht weit auf Felder und Wiesen hinaus.

Auch wenn die Förster im Wirtschaftswald Büsche und totes Holz entfernen, fühlt sich die Wildkatze nicht sonderlich wohl. Schließlich bilden die Wurzelstöcke von Bäumen, die ein Sturm umgeworfen hat, manchmal kleine Höhlen, in denen die Wildkatze ihre Jungen bekommen kann. „Dort sind die Kätzchen vor den Augen hungriger Füchse, Marder oder Eulen geschützt“, sagt der ZGF-Spezialist Wolfgang Fremuth. Seit die Förster in den letzten Jahrzehnten sich vom Leitbild des „aufgeräumten Forstes“ verabschieden und wieder Totholz liegen lassen, sollte also auch die Wildkatze wieder leichter eine Kinderstube finden.

Ob sich die Mäusefänger in der Natur an diese Theorie halten, muss erst noch untersucht werden. Dazu muss man die normalerweise für menschliche Augen meist unsichtbaren Wildkatzen nicht nur zählen, sondern auch von streunenden Hauskatzen unterscheiden können. Dabei hilft die moderne Genetik und ein alter Trick von Katzenliebhabern: Felis silvestris liebt Baldrian über alles. Also schlagen Forscher einen halben Meter lange Holzpflöcke in den Waldboden, auf die sie Baldrianduftstoff streichen.

Kommt eine Wildkatze daher, reibt sie sich eifrig an dem duftenden Pflock. Dabei bleiben einige Haare am rauen Holz hängen, die Helfer einsammeln und an Molekularlabor des Forschungsinstituts Senckenberg im hessischen Gelnhausen schicken. Dort isolieren Mitarbeiter aus den Haaren Erbgut und analysieren darin „Mikrosatelliten“. Das sind Abschnitte des Erbguts, mit deren Hilfe Gerichtsmediziner auch für Menschen einen „genetischen Fingerabdruck“ ermitteln.

Der genetische Fingerabdruck aus Katzenhaaren zeigt nicht nur den Unterschied zwischen Wildkatze und Hauskatze, sondern verrät auch das Geschlecht und hilft Verwandtschaftsverhältnisse aufzuklären.

Die Analyse von bisher 250 Haarproben zeigt, dass es in Deutschland zumindest zwei Gruppen von Wildkatzen gibt, deren Erbgut sich unterscheidet. Die Westpopulation lebt im Pfälzer Wald, der Eifel und dem westlichen Taunus. Die Mitteldeutsche Population schleicht dagegen durch die nördlichen Mittelgebirge wie Harz, Solling, Kyffhäuser und Hainich. In der norddeutschen Tiefebene, dem Osten der Republik oder in vielen süddeutschen Mittelgebirgen wurden dagegen bisher kaum Wildkatzen nachgewiesen. Auch in höheren Lagen ab etwa 600 Metern über dem Meeresspiegel sind sie nicht mehr vertreten. Vermutlich verhindert dort die dicke Schneedecke im Winter die Nahrungssuche.

„Zwischen den beiden bekannten Populationen klafft in Hessen eine breite Lücke, die wildkatzengerecht entwickelt werden sollte“, sagt ZGF-Mitarbeiter Fremuth. Probleme haben Wildkatzen nämlich nicht nur durch das Fehlen naturnaher Wälder mit Dickichten und Totholz, sondern auch durch Straßen. An viel befahrenen Autobahnen werden auf einer Länge von zehn Kilometern bis zu vier überfahrene Wildkatzen pro Jahr gefunden. Mit den Mitteln des Konjunkturpaketes II der Bundesregierung soll daher über die Autobahn 7 in der Rhön eine möglichst breite, mit Büschen bepflanzte Brücke gebaut werden, die Wildkatzen und anderen Tieren einen gefahrlosen Übergang ermöglicht.

Die Erfolgschancen für dieses Vorhaben sind nicht schlecht. An der Autobahn 4 ist es bereits gelungen, durch bauliche Veränderungen den Aktionsradius der Katzen zu erweitern (siehe Kasten).

BUND und ZGF haben inzwischen einen umfassenden Aktionsplan erarbeitet, der das Überleben der Tiere erleichtern soll. Einer der Kernpunkte ist ein 20 000 Kilometer langes Wandernetz für Wildkatzen, das in den nächsten Jahren die Lücken zwischen naturnahen Wäldern verschiedener Regionen Deutschlands schließen soll.

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