Döberitzer Heide : Hufe statt Panzerketten

Vor den Toren Berlins bearbeiten Wisente, Wildpferde und Hirsche urige Natur in der Döberitzer Heide.

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Wie in grauer Vorzeit. Wisente sind seit kurzem wieder heimisch in der Döberitzer Heide. Foto: Heinz Sielmann Stiftung
Wie in grauer Vorzeit. Wisente sind seit kurzem wieder heimisch in der Döberitzer Heide. Foto: Heinz Sielmann StiftungFoto: Thomas Stephan

Langsam gleitet der Blick vom Wannsee bis Spandau über die gesamte Skyline von Berlin. Dreht sich der Besucher des Aussichtsturms um, sieht er Natur pur: Wisente und Przewalski-Pferde saufen in einer urwüchsigen Landschaft aus einem Wasserloch. „Eine solche Naturlandschaft unmittelbar am Rand einer Metropole ist zumindest in Europa einmalig“, erklärt der Vorstand der Heinz-Sielmann-Stiftung Walter Stelte. Die Naturschutzorganisation hat daher im Jahr 2004 rund 3600 Hektar dieser Heidelandschaft zwischen Dallgow-Döberitz, Groß Glienicke und dem westlichen Teil des Berliner Autobahnrings gekauft. Dort können Besucher heute Wisente bewundern, deren Vorfahren bereits auf den Lichtungen in den Urwäldern der alten Germanen grasten. Nur den Aussichtsturm mit dem Blick zwischen der modernen Großstadt und der urwüchsigen Natur gibt es leider noch nicht: „Da warten wir nur noch auf die Genehmigung der zuständigen Behörden“, erklärt Lothar Lankow, der die Gesellschaft zusammen mit Peter Nitschke leitet. Ansonsten aber erlebt der Besucher auf einem 22 Kilometer langen Weg rund um die Kernzone dieser Wildnis eine einmalige Natur, die allerdings recht unnatürlich unter Panzerketten und Schießübungen entstand.

Noch in den 1980er Jahren übte nämlich die Rote Armee in der Döberitzer Heide. Panzer- und Artilleriegeschosse entzündeten damals so manche Fläche. Wenn dabei Bäume und keimende Wäldchen ein Raub der Flammen wurden, war das dem Kommandeur nur recht, weil er so den Truppen das mühsame Abholzen ersparen konnte, um die Schussbahnen offen zu halten. Im Laufe der Jahre entstand eine Heidelandschaft ähnlich denen, die früher Schafherden offen gehalten hatten. Auch dort zündelte so alle zwanzig oder dreißig Jahre der Schäfer, um die für seine Schafe ungenießbaren Bäume abzufackeln und frisches Grün für seine Herde zu erhalten.

An anderen Stellen rissen die Panzerketten der Roten Armee immer wieder die Erde auf, bis die Vegetation dort keine Chance mehr hatte und der Sand unter der im Sommer kräftig brennenden Sonne Mitteleuropas glühte. „Dort findet zum Beispiel der in Mitteleuropa sehr seltene Brachpieper seine Insekten-Nahrung“, nennt Jörg Fürstenow von der Heinz-Sielmann-Stiftung einen gefiederten Profiteur der militärischen Übungen. Seit die Panzer den Sand der Döberitzer Heide nicht mehr durch ihre Ketten mahlen, wachsen diese offenen Flächen allerdings langsam wieder zu und der Brachpieper verschwindet. Natürlich könnten heute statt Panzern auch Bulldozer den Boden umwühlen. Aber das käme auf Dauer viel zu teuer. Einfach wie einst die Truppenübungsplatz-Kommandeure die Vegetation abfackeln geht jedoch ebenfalls nicht, erklärt Jörg Fürstenow: „Auf dem Gelände liegt noch zu viel Munition im Boden, die ein Feuer zur Explosion bringen könnte.“ Diese Munitionsreste macht auch ein Mähen von Hand viel zu gefährlich. Also griff die Sielmann-Stiftung eine ältere Idee auf, große Grasfresser könnten die Döberitzer Heide offen halten.

Entstanden war diese Idee einst bei Naturwissenschaftlern, die vermuten, dass Mitteleuropa nie der geschlossene Urwald war, den die Römer vor 2000 Jahren in Germanien beschrieben haben. Vielmehr hätten Wisente, Wildpferde und Hirsche zumindest einige größere Lichtungen regelrecht in diesen Urwald hineingefressen. Im Mittelalter aber geschah etwas Ähnliches: „Damals gab es keine Koppeln und die Bauern trieben ihre Schweine, Rinder und Pferde zur Weide in den Wald“, erläutert Lothar Lankow.

Die Baumkronen erreichen die Mäuler der Nutztiere nicht, die großen Bäume verändern sich so wenig. Die Vegetation am Boden aber verschwindet im Bauch der Rinder und Schweine. Dadurch entstehen sogenannte „Hutewälder“ mit alten Eichen und wenig Unterholz. Ähnliche Strukturen entstanden in der Döberitzer Heide in den Gebieten, in denen nicht geschossen wurde, sondern die Panzer durch die Wälder pflügten. Während die Bundeswehr aber in einem solchen Übungsgelände ordentlich zwei oder drei Panzerwege anlegt, agierten die Verbände der Roten Armee erheblich freizügiger. So wurden immer neue Schneisen in den Wald gebrochen und eine Landschaft entstand, die Bauern und Förster außerhalb der Übungsplätze nie akzeptiert hätten. Für die Natur aber war das Fehlen einer geordneten Bewirtschaftung sehr wichtig: Anders als im Rest der Republik wurden dort keine Düngemittel und Pestizide eingesetzt. Auch dadurch überlebten bis zum Abmarsch der Roten Armee viele Arten, die in Mitteleuropa sonst überall auf den Roten Listen stehen.

Ins Auge sticht vor allem das enge Nebeneinander von verschiedenen Landschaften wie Wäldern und offenen Flächen, das übende Truppen dort geschaffen haben. „Der Kleine Heldbock zum Beispiel lebt im Holz alter Bäume, braucht aber die Proteine in den Pollen der Blüten von Weißdornbüschen und verschiedenen Stauden, die der Käfer nur im offenen Land findet“, erklärt Jörg Fürstenow. Nicht viel anders geht es dem Gartenrotschwanz, der im Wald in den Baumhöhlen seine Jungen aufzieht, die der Mittelspecht in alte Bäume gehämmert hat. Seine Nahrung in Form von Insekten, Spinnen und Weberknechten aber findet der Gartenrotschwanz in den Sträuchern und Kräutern der offenen Landschaft.

Die enge Nachbarschaft dieser verschiedenen Lebensräume aber lässt sich wohl nur noch mit wenig zeitgemäßen Nutzungen wie einem Truppenübungsplatz oder einer Waldweide erhalten. Eine halbwegs bezahlbare Alternative dazu sind die Wisente, Przewalski-Wildpferde und Rothirsche, die ähnlich wie die Nutztiere im Mittelalter die Landschaft offen halten können. „Wildpferde wälzen sich gern am Boden, scharren mit den Hufen und könnten so den Sand freilegen“, vermutet Lothar Lankow, so hätten auch Brachpieper und Blauflügelige Sandschrecke eine Chance.

Bevor die Tiere aber auf die knapp 2000 Hektar große Kernzone des ehemaligen Truppenübungsplatzes durften, zogen die Naturschützer erst einmal einen Dreifach-Zaun um das Gelände. Auf den beiden innen liegenden Zäunen liegt eine ungefährliche, aber schmerzhafte elektrische Spannung. Der dritte Zaun auf der Außenseite dient vor allem dazu, leichtsinnige Besucher oder auch mitgebrachte Hunde vor Schaden zu bewahren. „Es wäre einfach nicht so gut, wenn ein Pinscher an den Zaun pinkelt und dabei einen elektrischen Schlag abbekommt, der ihn vor den Augen seines Herrchens zwei Meter hoch in die Luft wirft“, erklärt Lothar Lankow die Funktion des dritten Zauns.

Hunde samt Herrchen kommen schließlich problemlos bis zur Wildnis-Kernzone, weil die Heinz-Sielmann- Stiftung für mehr als 200 000 Euro einen 22 Kilometer langen Wanderweg angelegt hat, auf dem Besucher ohne Eintrittskosten das Gelände umrunden können. Im Frühjahr 2010 war alles fertig, Wisente und Przewalski-Pferde betraten zum ersten Mal ihre neue Heimat in der Wildnis-Kernzone. Inzwischen leisten dort jeweils mehr als zehn Tiere beider Arten ganze Arbeit.

Vorab hatten die Tiere schon einmal auf einem viel kleineren Eingewöhnungsgelände üben können. Größere Bäume kamen dort allenfalls noch im Schutz dichter Brombeer-, Rosen- oder Weißdornhecken hoch, vor denen die empfindlichen Mäuler normalerweise zurückschrecken. Ansonsten aber haben auch mittlere Bäumchen keine Chance gegen einen Wisent, der bis zu einer Tonne auf die Waage bringen kann und der jeden Tag bis zu 45 Kilogramm Grünzeug mampft. Auch ein immerhin bis zu 300 Kilogramm schwerer Przewalski-Hengst schiebt normalerweise einigen Kohldampf und hält so die Vegetation kurz. Statt mit 41 Tonnen eines T-72-Kampfpanzers lässt die Heide sich also auch mit ein paar hundert Kilogramm Pflanzenfressern offen halten. Der alte Wunsch „Schwerter zu Pflugscharen“ wird in der Döberitzer Heide daher in Form von „Hufen statt Panzerketten“ Realität.

Damit die Menschen sich von dieser Konversion mit eigenen Augen überzeugen können, hat die Heinz-Sielmann-Stiftung bisher insgesamt 55 Kilometer Wanderwege eingerichtet, von denen ein Teil auch gut mit Rollstühlen zu bewältigen ist. Hauptattraktion ist ein Schaugehege, das allerdings für einen Erwachsenen drei Euro Eintritt kostet. Obwohl dort jedes Jahr 25 000 Besucher Wisenten, Przewalski-Pferden und Rotwild relativ nahe auf den Pelz rücken, reichen die Einnahmen nicht aus, um das dort benötigte Tierfutter und den Tierarzt zu bezahlen, die Besucher zu betreuen oder nötige Pflegemaßnahmen durchzuführen. „In absehbarer Zeit könnten vielleicht auch Safaris mit speziellen Fahrzeugen in die eigentliche Wildnis die Einnahmen verbessern“, grübelt Lothar Lankow. Lange vorher aber soll auf einem alten Bunker am Rundwanderweg der Aussichtsturm mit dem gleichzeitigen Blick auf die Berliner Skyline und die Natur pur inklusive Wisente gebaut werden. Im Herbst 2010 oder im Frühjahr 2011 könnte dieser europaweit einmalige Rundblick eröffnet werden.

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