Tollwut : Unterschätzte Gefahr auf Reisen

Touristen sind oft nicht ausreichend über das tödliche Tollwut-Virus informiert. Für Risikogebiete empfehlen Reisemediziner, sich impfen zu lassen.

Hermann Feldmeier
"Tollwut - Gefährdeter Bezirk" steht auf dem roten Warnschild, das an den Baum genagelt ist.
Eingegrenzt. In Deutschland ist die Tollwut gut im Griff - ganz im Gegensatz zu Regionen in Indien, Afrika und Südostasien.Foto: Imago

Wer eine Urlaubsreise nach Afrika oder Asien plant, informiert sich in der Regel über die Gesundheitsprobleme, die ihn möglicherweise in der Ferne erwarten. Wie eine Studie des Geosentinel-Netzwerks, in dem die führenden reisemedizinischen Institutionen zusammenarbeiten, zeigt, wird ein Gesundheitsrisiko jedoch nahezu immer unterschätzt: die Tollwut. Nach Ansicht der Autoren empfehlen Ärzte viel zu selten eine Tollwutimpfung bei Reisen in Hochrisikogebiete wie Afrika südlich der Sahara, Indien, Südost- und Ostasien. Dort sterben immerhin jeden Tag durchschnittlich 160 Menschen an der Viruserkrankung, verursacht durch den Biss eines tollwütigen Tieres.

Wer sich mit dem Tollwut-Virus infiziert und nicht sofort behandelt wird, stirbt nahezu immer einen qualvollen Tod. In Anbetracht der Tatsache, dass es wirksame Impfstoffe gibt, ist dies überflüssiges Leid. Das wesentliche Manko der Impfung: Sie ist verhältnismäßig teuer und belastet selbst eine gut gepolsterte Reisekasse, wenn mehrere Familienmitglieder geimpft werden müssen.

Jeden Tag sterben in den Hochrisikogebieten etwa 160 Menschen an der Tollwut

Ein zweiter Negativpunkt ist die Möglichkeit von unerwünschten Nebenwirkungen nach der Injektion. Auch wenn nur bei einem winzigen Bruchteil der geimpften Reisenden Gesundheitsschäden zu erwarten sind, muss der Arzt das vor einer Impfung in eine Nutzen-Risiko-Abwägung einbeziehen.

Reisemediziner suchen deshalb seit Langem nach Merkmalen, mit denen die Wahrscheinlichkeit eines – möglicherweise folgenschweren – Tierkontakts während einer Reise eingeschätzt werden kann. Um eine Antwort auf diese brennende Frage zu finden, haben die Wissenschaftler des Geosentinel-Netzwerkes die Krankengeschichten von 184 000 Reisenden ausgewertet, die sich zwischen 1997 und 2012 in einem der 45 angeschlossenen Zentren nach der Rückkehr mit einem Gesundheitsproblem vorstellten.

Bei 2697 Patienten (1,5 Prozent) mussten die Ärzte eine Postexpositionsprophylaxe gegen Tollwut durchführen. Aus ärztlicher Sicht bestand ausreichend Verdacht, dass sich der Reisende während des Auslandaufenthalts mit dem Tollwut-Virus angesteckt haben könnte. In diesem Fall muss der Patient gleichzeitig mit Antikörpern gegen das Tollwut-Virus behandelt (eine passive Immunisierung) und aktiv gegen den Erreger geimpft werden. Eine Maßnahme, die schnell an die 1000 Euro kostet.

Die größte Gefahr geht von tollwütigen Hunden aus

Die Analyse der Daten der 2697 Reisenden zeigte, dass in 60 Prozent der Fälle Kontakt mit einem möglicherweise tollwütigen Hund die Ursache der aufwendigen Behandlung war. Affen (mit rund einem Viertel der Kontakte) und Katzen (mit zehn Prozent) folgten in der Häufigkeitsrangliste. Allerdings war die Bedeutung der verschiedenen Tierarten stark vom Urlaubsziel abhängig. Während bei Reisenden nach Asien Kratz- und Bisswunden durch Affen dominierten (meist in Tempelanlagen und Parks), wurden in Afrika Verletzungen im Wesentlichen durch streunende Hunde verursacht.

Die Zahl der gefährlichen Tierkontakte stieg zwischen 2003 und 2012 um das Vierfache an und damit deutlich stärker als die absolute Zahl von Auslandsreisen. Vermutlich, weil Reisende über das Tollwutrisiko nicht ausreichend informiert waren. Dazu passt, dass nur etwa ein Drittel der Patienten, die nach Rückkehr eine Postexpositionsprophylaxe benötigten, sich vor der Ausreise reisemedizinisch hatten beraten lassen.

Aussagekräftige Risikofaktoren für Tierkontakt während einer Reise konnten die Wissenschaftler allerdings nicht entdecken. Weder gab es eine Altersgruppe mit einem besonders hohen Risiko, noch war das Geschlecht des Reisenden mit häufigen Tierbegegnungen verknüpft. Auch die Dauer des Aufenthalts sagte nichts über die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts aus. Bislang war man davon ausgegangen, dass Urlauber, die längere Zeit durch ein Gefahrengebiet reisen, ein deutlich höheres Risiko tragen als Teilnehmer eines Kurztrips. Selbst Rucksacktouristen hatten nicht häufiger gefährliche Tierkontakte als Hotelgäste. Die Schlussfolgerung der Reisemediziner: Eine Tollwutimpfung muss viel konsequenter empfohlen werden, als das bislang der Fall war.



1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben