Tourismus : Sonne, Meer, Illusionen

Falsche Kreter und deutsche Rentner, denen vieles spanisch vorkommt – Neues aus der Reiseforschung.

Elke Kimmel

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter: Rund ums Jahr machen Millionen Deutsche Urlaub in Südeuropa. Die einen versuchen, dem schlechten Wetter zu entkommen. Andere freuen sich auf die Begegnung mit anderen Kulturen. „Viele suchen dabei unverfälschte Traditionen und Kontakt mit echten Einheimischen, die von der Außenwelt unbeeinflusst auf der Insel leben“, sagt Ramona Lenz, Kulturanthropologin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Die Hoffnung auf authentische Begegnungen sei jedoch eine Illusion.

Lenz gehört zu einer Gruppe von kulturwissenschaftlich orientierten Mobilitätsforschern. Das Untersuchungsfeld der Frankfurter Kulturanthropologin ist die Insel Kreta: Von hier kamen bis in die 1970er Jahre hinein zahlreiche Menschen nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Heute ist die Insel selbst Anziehungspunkt für viele Migranten, die hier in der Tourismusbranche ein Auskommen finden. Ein Großteil von ihnen kommt aus Albanien, was den meisten Touristen jedoch verborgen bleibt. Lenz hat in zahlreichen Einzelgesprächen erfahren, dass diese Einwanderer meist nicht als Ausländer erkannt werden.

„Manche von ihnen verbergen ihre Herkunft auch schon mal absichtlich. Sie geben sich als Griechen, Kreter oder auch als Italiener aus“, sagt Ramona Lenz. Als Albaner müssten sie damit rechnen, von Touristen diskriminiert zu werden. Menschen aus anderen Ländern, für die die Arbeit auf der Insel lebensnotwendig ist, stören den von den Reisenden gewünschten Eindruck des Ursprünglichen. In noch stärkerem Maße gelte dies für Schwarzafrikaner, die meist nur hinter den Kulissen der Tourismusindustrie zum Einsatz kommen.

Eine Erkenntnis der aktuellen Mobilitäts- und Reiseforschung: Das „andere andere“ stört. Reiseführer preisen lieber das „Prachtexemplar des nicht domestizierten Kreters“ an, und Rucksacktouristen treten in eine teilweise erbitterte Konkurrenz darum, wer den Einheimischen am nächsten komme. Menschen, die in Deutschland entschieden gegen jede rassistische Äußerung auftreten würden, finden plötzlich nichts dabei, über „kriminelle Albaner“ und „bettelnde Zigeunerkinder“ zu schimpfen – im Gegenteil: Solche Äußerungen gehörten zum „Lokalkolorit“, dem man sich als perfekter Individualtourist oder Aussteiger anpasse, sagt Lenz.

„Aussteiger“ sind auch jene Rentner, die dauerhaft im Süden leben wollen, am liebsten am Mittelmeer. Deutsch- und englischsprachige Zeitungen, deutsche Bäcker und andere Dienstleister sorgen für heimatliche Gefühle. Das Interesse des Kulturwissenschaftlers und Ethnologen Klaus Schriewer gilt dieser „europäischen Wohlstandsmobilität“: Sogenannte Residenten, überwiegend Briten und Deutsche jenseits der 60, leben in Spanien häufig in abgeschlossenen Siedlungen ohne mehr als den notwendigen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Schriewer, der an der Universität Murcia (Südost-Spanien) lehrt, untersucht im Rahmen des Projekts „Interkulturelle Kommunikation und europäisches Bewusstsein“, wie sich das Zusammenleben der Rentner untereinander und mit den Spaniern gestaltet. Seine Studie fußt auf einer Umfrage unter deutschen und britischen Residenten in Spanien sowie auf 120 intensiven, lebensgeschichtlichen Interviews. Trotz der Abschottung sieht Klaus Schriewer erste Ansätze zu einer „Völkerverständigung“ und rechnet damit, dass sie in den nächsten ein bis zwei Generationen in einen wirklichen Dialog mündet.

Noch allerdings stünden einem wirklichen Austausch Sprachbarrieren entgegen – nicht nur zwischen Touristen-Migranten und Einheimischen, sondern auch zwischen den verschiedenen Gruppen der Residenten. Aber: Fast alle Befragten äußern sich positiv zu den Lebensbedingungen in der neuen Heimat. Man habe hier ein neues soziales Netz aufbauen, neue Freunde gewinnen können. Der Traum vom Alter im Süden endet für die meisten dann, wenn sie zum Pflegefall werden. Die ersten deutschen Pflegeheime an der Costa del Sol sind allerdings schon geplant. Der „Pauschaltourist auf Lebenszeit“ wird immer mehr zur Realität.

Die Kulturwissenschaftler Tom Holert und Mark Terkessidis untersuchen den Einfluss des Tourismus auf die Stadt als Lebensraum. Sie weisen nach, dass Venedig bereits im 17. Jahrhundert – mit dem Niedergang der wirtschaftlichen und politischen Macht – den Tourismus als Ersatzstrategie für sich entdeckte. Die Herrscher der Lagunenstadt verstanden es, Venedig zu vermarkten. Für einen gebildeten und wohlhabenden Europäer gehörte es sich schon bald, Venedig bereist zu haben. Die Stadt wurde zur romantischen Kulisse.

Auch für die modernen Metropolen besteht nach den Beobachtungen Holerts die Gefahr, sich zu sehr dem Bild anzupassen, dass Tourismusmanager von ihnen entwerfen. „Die Stadt wird zur Marke“, sagt Holert, „bestimmte Trends werden gefördert, andere hingegen unterdrückt.“ In Berlin führe dies dazu, dass Stadtteile wie Mitte und Prenzlauer Berg zunehmend schicker – und unbezahlbarer für die angestammte Bevölkerung – würden. Im Gegenzug verstärke sich das Negativimage von Neukölln und Wedding – statt marktfähigem Multikulti wie in Kreuzberg sähe man dort nur kriminelle Parallelgesellschaften. Verdrängungsprozesse würden weiter verstärkt, die soziale Kluft zwischen den Stadtteilen vorangetrieben. Elke Kimmel

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