Transgene Pflanzen : Eher Masse als Klasse

Der Anbau transgener Pflanzen nimmt zu. Aber echte Innovationen wie der goldene Reis haben es bisher schwer.

Hartmut Wewetzer

Am 31. Juli 2000 hat es Ingo Potrykus sogar auf die Titelseite des amerikanischen „Time“-Magazins geschafft. „Dieser Reis könnte eine Million Kinder pro Jahr retten“, stand da neben dem Foto des bärtigen deutschen Professors.

Beim „könnte“ ist es bis heute geblieben. Der Biotechniker Potrykus, damals an der ETH Zürich, hatte in siebenjähriger Forschungsarbeit gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Beyer von der Universität Freiburg einen Vitamin-A-haltigen Reis entwickelt. Vitamin-A-Mangel ist in Entwicklungsländern weit verbreitet. Jedes Jahr erblinden deshalb laut Weltgesundheitsorganisation zwischen 250000 und 500000 Kinder, die Hälfte von ihnen stirbt innerhalb des nächsten Jahres.

Das Grundnahrungsmittel Reis enthält zumindest in den Körnern kein Vitamin A. Potrykus und Beyer vollbrachten ein wissenschaftliches Kabinettstück, indem sie mit Hilfe dreier in den Reis eingeschleuster Erbanlagen den Vitamingehalt im Reiskorn hochtrieben.

Wer erwartete, dass alle Welt die Vitaminspritze durch den „goldfarbenen“ gelben Reis für die Ärmsten gutheißen würde, sah sich getäuscht. Greenpeace – die Organisation hat der Gentechnik den Krieg erklärt – startete eine Kampagne, die den goldenen Reis ins Abseits drängte. Heute ist Potrykus 75 und verbittert.

Die durch Gruppen wie Greenpeace geschürte öffentliche Ablehnung ist nur die eine Seite des Problems für die um Akzeptanz ringende Pflanzen-Biotechnik. Mindestens ebenso schwerwiegend sind immer weiter hochgetriebene bürokratische Auflagen für die Zulassung gentechnisch veränderter (transgener) Pflanzen. Das hat dazu geführt, dass kleine Unternehmen oder kreative und altruistische Forscher wie Ingo Potrykus mit ihren Ideen kaum noch eine Rolle spielen.

Übrig geblieben sind zum wesentlichen Teil die großen Saatguthersteller, die das nötige Kleingeld und den langen Atem haben, um alle politisch-administrativen Hürden zu nehmen. Und das durchaus mit Erfolg. 2007 wurden laut dem Magazin „Science“ bereits auf 114 Millionen Hektar transgene Pflanzen angebaut, das ist mehr als das Dreifache der Fläche der Bundesrepublik. Allerdings sind es lediglich acht Länder, in denen sich 99 Prozent des Anbaus konzentriert.

Ebenso schmal ist das Spektrum der Pflanzen: Soja, Mais, Baumwolle, Raps. Diese Pflanzen sind widerstandsfähig gegen Pflanzenschutzmittel oder Insekten, aber das ist der einzige Unterschied zu herkömmlich gezüchteten Sorten – anders als beim goldenen Reis geht es eher um Quantität als Qualität, um größere Erträge bei geringeren Investitionen etwa in Herbizide. Doch in Zeiten rapide steigender Getreidepreise ist das kein so richtig schlagendes Argument gegen die Gentechnik mehr.

Sogar den goldenen Reis gibt es noch. Fast ein Jahrzehnt nach seiner Entwicklung wird er nun in Indien, Vietnam und den Philippinen für die Zulassung vorbereitet. Falls Greenpeace es erlaubt.

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