Wissen : Trittsicher durch Tango

Rhythmische Bewegung macht nicht nur Spaß - sie kann auch im hohen Alter vor Muskelabbau und Stürzen schützen

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An ihre Tanzstunde erinnern sich die meisten Menschen ihr ganzes Leben lang: Die einen voller Begeisterung, die anderen mit Schrecken. Keiner verbindet die Zeit vor dem Abschlussball aber wohl mit dem Gedanken an Krafttraining gegen drohende Muskelschwäche und an Vorbeugung von Stürzen durch Übungen zur besseren Koordination. Das sind allerdings Überlegungen, die für Reto Kressig zum Alltag gehören. Der Chefarzt der Akutgeriatrischen Universitätsklinik und Memory Klinik am Universitätsspital Basel würde deshalb vor allem Menschen im mittleren und höheren Lebensalter gern öfter zum Tanz auffordern.

Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden stellte der Altersmediziner seinen Kollegen eine eigene noch unveröffentlichte Studie vor, mit der er belegen kann, dass rhythmische Bewegung selbst Hochbetagte vor Stürzen schützt. Dafür hatte er 134 älteren Menschen für ein halbes Jahr mehrmals in der Woche Eurhythmik nach Emile Jaques-Dalcroze verordnet, die inzwischen immer mehr Senioreneinrichtungen in der Schweiz anbieten. Der Genfer Komponist und Musikpädagoge Jaques-Dalcoze (1865 - 1950), ein Schüler Anton Bruckners, schwor dafür auf die Verbindung von improvisierter Klaviermusik nach wechselnden Rhythmen und darauf abgestimmten Bewegungsmustern, zu denen auch das Klatschen gehört. In Kressigs Studie zeigte sich der Erfolg nicht allein im Vergnügen der Teilnehmer: Unter ihnen waren auch 54 Prozent weniger Stürze zu verzeichnen als in der Kontrollgruppe, die das Bewegungsprogramm nicht mitgemacht hatte. „Auch wer schon deutlich über 65 ist, wenn er mit dem Tanzen beginnt, profitiert davon“, resümierte Kressig.

Das hat auch eine kanadische Studie gezeigt, für die die Physiotherapeutin und Hobby-Tangotänzerin Patricia McKinley von der McGill-Universität in Montreal 30 Männern und Frauen zwischen 62 und 90 Jahren zweimal in der Woche eine Doppelstunde Tango-Unterricht gegeben hatte. Sie waren alle gesund, aber im letzten Jahr mindestens einmal bei einem Sturz hart aufgekommen. Die Tänzer hatten nach dem mehrwöchigen Tanzvergnügen gegenüber einer Kontrollgruppe, die in derselben Zeit Spaziergänge gemacht hatte, eine deutlich bessere Balance, Körperhaltung und Koordinationsfähigkeit. Und sie hatten weniger Angst, nochmals zu stürzen. Schon in einer früheren Studie hatte Kressig zeigen können, dass Senioren, die mehrmals in der Woche tanzten, einen gleichmäßigeren Gang hatten als die Kontrollgruppe. Auf einen weiteren Faktor, der das Risiko für Stürze steigen lässt, stieß die schwedische Physiotherapeutin Lillemore Lundin die Fachwelt vor knapp zehn Jahren. Sie nannte ihn: „Stops walking when talking.“ Menschen, die durch dieses Verhalten auffallen, unterbrechen das Gehen, wenn ihnen eine Aufgabe aus dem Bereich der „Exekutivfunktionen“ gestellt wird, wenn man sie also zum Beispiel auffordert, rückwärts zu zählen. Auch die Fähigkeit zum „Multitasking“, die hier gefragt ist, werde durch rhythmische Bewegung verbessert, berichtete Kressig. „Mit bildgebenden Verfahren, die das Gehirn in Funktion zeigen, kann man belegen, dass das Frontalhirn durch Musik und rhythmische Bewegung stimuliert wird."

Gegen die Muskelschwäche, den wichtigsten Risikofaktor für die Stürze älterer Menschen, helfen allerdings auch Formen körperlichen Trainings, die ohne Musik auskommen. Im Schnitt verliere der Mensch bis zum 80. Lebensjahr etwa 30 Prozent der Muskelmasse, die er oder sie im kräftigsten Alter hatte, war beim Kongress zu hören. Heute fällt das vielen gar nicht mehr auf, weil unser Alltag auch mit weniger Muckis gut zu stemmen ist. Krafttraining kann die Muskelkraft auch im Alter erhöhen.

Auch wenn Bewegung für die Muskelkraft am wichtigsten ist: Kressig verordnet vielen seiner betagten Patienten zusätzlich Vitamin D, das nicht nur für stabile Knochen, sondern auch für die Funktion der Muskeln unerlässlich ist. Im Alter besteht oft ein Mangel, zumal die Haut als Quelle dann weniger effektiv ist.

„Außerdem brauchen die Muskeln der Senioren genügend Eiweiß, vor allem, wenn durch das Training neue Muskelmasse aufgebaut werden soll“, sagte der Geriater. In einer Studie mit 100 rund 90-jährigen Bewohnern eines Altenheims konnte die Bostoner Geriaterin Maria Fiatarone schon 1994 zeigen, dass bei Hochbetagten die Kombination von Hanteltraining und einer direkt danach verabreichten Eiweiß-Zusatzration besonders gut wirkte. „Ohne Training bringen die Proteine für die Muskeln allerdings nichts“, sagte Kressig. Sich nach der Tanzstunde in der Eisdiele zum Milchshake zu treffen, rundet den Genuss dagegen ab.

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