TU Berlin : Das Handwerk des Präsidenten

Konservativer Taktiker: Kurt Kutzler stellte die Technische Universität Berlin neu auf. Nun scheidet er nach acht jahren aus dem Amt.

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Kurt Kutzler. Seit 2002 leitet der die TU - mit wechselnden Erfolgen.Foto: Mike Wolff

Acht Jahre Präsident, fast sieben Jahre Vizepräsident, welche deutsche Universität kann auf eine derartige Kontinuität verweisen? Von daher ist das Bild richtig, mit dem Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), den Einschnitt charakterisiert, vor dem die Technische Universität Berlin steht. Kurt Kutzler scheidet Ende März aus dem Präsidentenamt, am heutigen Donnerstag wird er verabschiedet. Ein Steuermann verlässt die Kommandobrücke, sagt die HRK-Präsidentin. Seit 1987 stand Kurt Kutzler mit kurzen Unterbrechungen für die TU ein, zunächst als Vizepräsident bis 2002, dann als Präsident.

Wer so oft in Wahlen in seiner Amtsführung bestätigt wird, steht für das Selbstverständnis der Universität. Wie verstand sich die TU in Kutzlers Amtszeit? Der Anfang fiel noch in die Zeit der Gruppenuniversität, der politisierten Fraktionsuniversität. Für revolutionäre Exzesse war die Technische Universität zu solide. Deswegen erlebte die politisierte Fraktionsuni an der TU nie jenen Niedergang, wie er in Teilen der Freien Universität zu beobachten war. Von daher war auch der Reformdruck nach der Wiedervereinigung an der TU nicht so heftig. Der Freien Universität wuchs in Berlin ein neue Konkurrentin heran: die Humboldt-Universität. Die TU hatte es leichter: In Berlin kannte sie in den Ingenieurwissenschaften nur Fachhochschulen als Konkurrenten.

Die FU konnte nur mit einem radikalen Neubeginn an die Spitze in Deutschland vorstoßen. Die Technische Universität sah es gelassener. Sie ließ sich mit grundlegenden Reformen Zeit – oft zu viel Zeit. Schon 1990 hatte sie die Chance zur radikalen Neuorientierung. Sie ließ sie ungenutzt. Ihr damaliger Präsident Manfred Fricke schockierte die Uni mit einer unabgestimmten Reformidee. Fricke forderte eine Abkehr von Fächern, die zugleich als Fachbereiche abgeschottet vor sich hin werkelten. In größeren Zusammenhängen könne sich die Superspezialisierung überwinden lassen. Aber die Dekane wollten an den 21 Fachbereichen unbedingt festhalten. Die Reform wurde auf Eis gelegt. Bis zum Jahr 2000 ließ sich die TU Zeit, um ihre Neugliederung in acht Fakultäten zu vollenden. Kutzler zog die Fäden und dachte als Konservativer in langen Zeiträumen und vorsichtigen Schritten.

Die TU ließ sich auch Zeit mit einer Reformsatzung. HU und FU hatten sich seit 1997 längst mehr Autonomie vom Staat und Spielraum für umfassende Reformen geschaffen, während die TU bis 2005 in den Fesseln der Fraktionsuniversität und politisch dominierter Kuratorien stand. Bis heute ist die TU in zwei große Blöcke geteilt. Auf der „Fensterfraktion“ der Konservativen und Liberalen basierte Kutzlers Hausmacht, aber ohne die linke Reformfraktion ging auch nichts.

Wie die FU verlor die TU mehr als die Hälfte ihrer Professoren nach der Wiedervereinigung. Von 580 Professuren blieben 276. Eine der Leistungen Kutzlers war es, die großen Opfer zu verkraften und die TU neu aufzustellen. In Krisenjahren war er ein Handwerker des Soliden und darauf bedacht, möglichst viele TU-Angehörige mitzunehmen. Die Sparpolitik des Berliner Senats zwang die TU, sich auf das Kerngeschäft zu besinnen – und das sind die Ingenieur- und Naturwissenschaften. Die Geisteswissenschaften an der TU hatten jahrzehntelang nach dem Motto klein, aber fein der FU eine echte Konkurrenz geboten. Jetzt mussten die Geisteswissenschaften sich auf den Brückenschlag zu den Ingenieuren beschränken. Solche Einschnitte zu gestalten und dennoch die Uni zusammenzuhalten, ist dem vorsichtigen Taktieren von Kurt Kutzler zu verdanken.

Aber die Sparpolitik gefährdete auch das Leistungsniveau: Acht Sonderforschungsbereiche boten der TU noch 1998 eine gute Position. Der bis 2002 amtierende Präsident Jürgen Ewers entwickelte Masterpläne und schwärmte von einer Spitzenposition, obwohl die Technischen Universitäten in München, Aachen, Stuttgart und Karlsruhe schon an der Berliner TU vorbeigezogen waren.

Der Generationswechsel bei den Professoren trug zu einer schlechteren Bewertung im Ranking bei. Die TU hat mittlerweile noch drei Sonderforschungsbereiche. Im innerdeutschen Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft sank die TU vom 16. Platz (1998) auf den 27. Platz (2007). Die TU half sich über diese schmerzhafte Einschätzung mit Unglauben und dem Hinweis hinweg, dass sie einen bemerkenswerten Erfolg bei der Einwerbung von Drittmitteln hat: 120 Millionen Euro waren es 2009. Damit steht die TU in Berlin an zweiter Stelle hinter der Charité. Und die Beziehungen zu Unternehmen wie Siemens, der Telekom, Daimler, Volkswagen blieben auch in kritischen Zeiten intensiv.

In der Lehre war die TU bei der Umstellung auf Bachelor und Master schneller als viele andere Hochschulen. Und mit zehn Millionen Euro legte die TU ein Programm zu einer besseren Betreuung der Bachelor-Studenten schon vor dem großen Proteststurm des Jahres 2009 auf.

Immerhin zeigen die Entwicklungen in den letzten Amtsjahren von Kutzler nach oben. Der Generationswechsel ist vollzogen, und die Zeichen deuten auf einen erneuten Aufschwung hin. Im Exzellenzwettbewerb konnte die TU zwar nicht den Elitestatus erreichen, wohl aber einen Forschungscluster zur Katalyse und eine Graduiertenschule in Mathematik gewinnen. Das Matheon ist als brillante Forschungsstätte für die Anwendung von Mathematik in Technik und Wirtschaft berühmt. Die Europäische Union fördert über den Forschungsrat TU-Wissenschaftler mit fünf Millionen Euro. Aus der EU kommt auch das Fördergeld für Netzwerke im Rahmen des neuen European Institute of Innovation and Technology (EIT), an denen die TU beteiligt ist.

Zum Abschied erhält Kutzler das Lob der Politiker. Klaus Wowereit preist Kutzlers Engagement für strategische Allianzen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner bezeichnet Kutzler als Präsidenten „alten Schlages“: „Immer hat er ihre Stärken mit Stolz und Würde vertreten und unter ihren gelegentlichen Schwächen innerlich gelitten.“

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