TU Berlin in El Gouna : Der Palmen-Campus ist in Gefahr

Die Technische Universität Berlin plant eine Evakuierung ihrer Zweigstelle in El Gouna, falls die politische Lage in Ägypten eskaliert. Im Ernstfall soll der Lehrbetrieb nach Berlin verlagert werden.

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Palmenumstandene Campusgebäude in El Gouna.
Große Erwartungen. Für 180 Studierende ist der Campus El Gouna ausgelegt. 30 begannen ihr Masterstudium 2012, für das kommende...Foto: TU Berlin/Campus El Gouna

Einen Campus unter Palmen betreibt die Technische Universität Berlin (TU) im ägyptischen El Gouna. Seit einem knappen Jahr studieren in dem Ferienort am Roten Meer 29 Nachwuchsingenieure in drei Masterprogrammen zu Energie, Wasseraufbereitung und Stadtentwicklung. Den Uni-Ableger unweit der Touristenhochburg Hurghada hat der ägyptische TU-Absolvent Samih Sawiris gestiftet. Er wolle, dass ägyptische Studenten im eigenen Land die gleiche Qualität der Ausbildung erhalten wie er selber Ende der 70er Jahre in Deutschland, erklärt der Tourismusunternehmer seine Motivation. Doch der Traum von einer deutschen Ingenieurschmiede am Roten Meer ist in Gefahr.

Falls sich die politische Lage in Ägypten gravierend verschärft, werde man den Lehrbetrieb vom Roten Meer umgehend nach Berlin verlegen, sagte TU-Präsident Jörg Steinbach am Freitag im Kuratorium der Universität. Und das unabhängig von der Sicherheitslage in El Gouna selbst. Denn koppeln will Steinbach den Rückzug nicht nur an eine etwaige Reisewarnung des Auswärtigen Amts für die Feriengebiete am Roten Meer, wie es seit kurzem auf der Homepage des TU-Zentralinstituts in El Gouna steht. Ausschlaggebend sei die Schließung der deutschen Schulen, die unter anderem in Kairo und Alexandria betrieben werden, sagte Steinbach.

„Wenn die Schulen in Ägypten geschlossen werden und das Personal von dort ausgeflogen wird, landet die Regierungsmaschine auch in Hurghada und holt unser Personal und unsere Studierenden raus“, erklärte Steinbach zum „Plan B“ für El Gouna. Dieses Vorgehen sei mit der Deutschen Botschaft in Kairo abgesprochen. Die dann nötigen Visaformalitäten für die Studierenden würden vorsorglich in diesen Tagen geklärt. Gleichzeitig plane man an der TU, „wie wir 60 Studenten in den Regelbetrieb übernehmen“.

TU-Präsident Steinbach dachte schon im August an Schließung

Schon als Mitte August in Kairo bei der gewaltsamen Räumung zweier Protestcamps von Muslimbrüdern durch Militär und Polizei Hunderte von Menschen getötet wurden, habe er überlegt, den Campus zu schließen, sagte Steinbach. Dabei sei es ihm nicht nur um die Sicherheit der Mitarbeiter und der Studierenden in El Gouna gegangen. Es habe sich auch die Frage gestellt, „ob es angemessen ist, unter den Bedingungen eines Militärputsches den Betrieb aufrechtzuerhalten“. Ihm habe sich ein Vergleich zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking aufgedrängt, wo das chinesische Militär 1989 friedliche Proteste der Bevölkerung gewaltsam niederschlug. Das Auswärtige Amt habe ihn dann überzeugt, den Campus vorerst nicht zu schließen, sagte Steinbach.

Präsenz trotz Militärputsch - als Signal ans ägyptische Volk

Alle deutschen Einrichtungen in Ägypten, darunter Schulen und archäologische Stätten, sollten so lange wie möglich offen gehalten werden. Das Auswärtige Amt verstehe dies „als Signal, dass die deutsche Regierung in dieser Situation aktiv zum ägyptischen Volk steht“.

Derzeit sind ein Großteil der Studierenden und die rund 20 deutschen Mitarbeiter des ägyptischen Campus in Berlin. Die Studiengänge für Stadtentwicklung und Energie verbringen das zweite Semester turnusgemäß an der TU. Ende September sollen sie zum Start des Wintersemesters nach El Gouna zurückkehren. Die Professoren, die neben ihrer regulären Tätigkeit an der TU auf der Basis von Lehraufträgen in El Gouna arbeiten, kommen jeweils für Blockseminare ans Rote Meer.

Die Senatorin kommt Ende Oktober - wenn die Lage sicher ist

Unmittelbar gefährdet sind Studierende und Mitarbeiter des ägyptischen Campus allem Anschein nach nicht. Von den großen Städten und auch vom aktuellen Krisenherd im Norden der Sinai-Halbinsel sind El Gouna und der Nachbarort Hurghada weit entfernt. El Gouna ist zudem eine umzäunte Privatstadt, die ihrem Gründer Samih Sawiris gehört und deren Zufahrtsstraßen mit Schlagbäumen gesichert sind. Ein mit 37 Quadratkilometern weitläufiger, goldener Käfig für die 20 000 Einwohner, für die Touristen und für die Studierenden. Zum Erstsemestertag am 28. Oktober will TU-Präsident Steinbach wie im vergangenen Jahr persönlich einfliegen – in Begleitung von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres. Scheeres habe dies bereits zugesagt, erklärte Steinbach. Das bestätigte die Senatsverwaltung am Montag. Angesichts der Sicherheitslage könne man aber noch nicht abschließend sagen, ob die Reise zu diesem Zeitpunkt auch stattfinden kann.

Neue Bewerber zögern mit der Einschreibung in El Gouna

Wie viele neue Studierende überhaupt in El Gouna begrüßt werden können, ist noch unklar. Zwar hatten sich seit dem Frühsommer 150 junge Männer und Frauen aus 25 Ländern für einen der drei Masterstudiengänge beworben, und 102 von ihnen wurden auch zugelassen, sagt Kester von Kuczkowski, Projektleiter der TU für El Gouna. Doch bislang hätten sich nur 30 auch tatsächlich immatrikuliert. Die politische Lage im Land und vorübergehende Reisewarnungen für Ägypten schreckten offensichtlich viele Interessenten ab. Die Pläne zur möglichen Verlagerung des Lehrbetriebs nach Berlin könnten zögerliche Bewerber hoffentlich noch umstimmen, sagt von Kuczkowski. Die Einschreibefrist sei jetzt bis Anfang Oktober verlängert worden.

"Keine finanziellen Risiken für die TU Berlin"

Weitere Absagen würden das Experiment in El Gouna auch wirtschaftlich gefährden. Denn die Masterstudenten zahlen 5000 Euro Studiengebühren im Semester. Damit will Sawiris, der rund 45 Millionen Euro in den Bau der Unigebäude investierte und die Lehraufträge der Professoren sowie die laufenden Verwaltungskosten zahlt, eines Tages den Betrieb zu zwei Dritteln finanzieren. Dafür braucht El Gouna die vor einem Jahr anvisierten 180 Studenten. Ein finanzielles Risiko für die TU Berlin bestehe aber nicht, sagt Projektleiter von Kuczkowski. Laut Präsident Steinbach könnte die TU im Fall einer Verlagerung des Lehrbetriebs nach Berlin auch die Unterbringungskosten für die Studierenden „mit Sawiris verrechnen“.

Studentenvertreter: Rote Linie bei Menschenrechtsverletzungen

Die Studenten seien froh, dass der Lehrbetrieb weitergehe, sagt einer aus der Gruppe, die jetzt in Berlin ist. „Wir müssen uns keine Sorgen mehr machen, ob das Semester überhaupt fortgesetzt wird.“ Beruhigend sei auch der „Plan B“, der garantiere, dass er seinen zweijährigen Studiengang abschließen könne, sagt der 25-Jährige aus dem Stadtentwicklungsprogramm. Gegenwärtig sei El Gouna ein sicherer Ort.

Das Kuratorium der TU unterstützte Steinbachs Linie. Die ehemalige Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth, die dem Gremium vorsitzt, sagte, es sei richtig, „zu bleiben, so lange es eben geht“. „Das tun wir auch in Afghanistan, und dort ist die Lage äußerst prekär.“ Studierendenvertreter Erik Marquardt mahnte allerdings „eine rote Linie bezüglich der Menschenrechtslage in Ägypten“ an. Die TU dürfe den Campus nicht aufrechterhalten, wenn es zu einer Militärdiktatur komme.

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