Türkei : Offen für nützliche Flüchtlinge

Exilland Türkei: Juden waren eher unerwünscht, Stadtplaner Reuter willkommen.

Elke Kimmel

Istanbul, Anfang Juli 1943. Helmuth James von Moltke versucht im Auftrag des Kreisauer Kreises in Istanbul den amerikanischen Botschafter Kirk zu kontaktieren. Seine Mission: die amerikanische Regierung davon zu überzeugen, dass es eine vitale, demokratische Opposition in Deutschland gibt. Der Kreisauer Kreis will Europa davor bewahren, von den USA und der Sowjetunion dominiert zu werden. Allerdings war Moltkes Mission von vornherein zum Scheitern verurteilt, sagt der Zeithistoriker Hans Mommsen. Die amerikanischen Stellen wollten zu diesem Zeitpunkt keine Kontakte mehr zum deutschen Widerstand. „Moltke schätzte die Chancen seines Engagements falsch ein – eine Folge seines Lebens unter der Dunstglocke der Diktatur“, so Mommsen.

Über Moltkes unzeitgemäße Visionen einer europäischen Nachkriegsordnung sprach Mommsen unlängst an einem historischen Ort. Das Symposium „Begegnungen am Bosporus“ wurde von der Kreisau-Initiative in Berlin und dem Willy-Brandt-Zentrum an der Universität Wroclaw (Breslau) in Kreisau, dem polnischen Krzyzowa, ausgerichtet. Im ehemaligen Gut Moltkes, wo sich die Widerstandsgruppe traf, macht sich seit 1998 eine deutsch-polnische Begegnungsstätte um die politische Bildung verdient.

Kontakte zwischen amerikanischen Stellen in Istanbul und deutscher Opposition gab es durchaus, sagte Christof Mauch, Professor für Amerikanische Geschichte an der Uni München. Der US-Geheimdienst habe mit exilierten Politikern und Wissenschaftlern in engem Kontakt gestanden. Daraus entwickelte sich ein sehr weitgehender Plan, der durchaus im Sinne Moltkes gewesen wäre – der „Hermann-Plan“ von 1943. Danach sollte ein separater Frieden des von Hitler befreiten Deutschen Reichs mit den Westalliierten geschlossen, die Ostfront aber gehalten werden. Das war ein Verstoß gegen die Abmachungen mit der Sowjetunion. „Dass dies überhaupt in Erwägung gezogen wurde, deutet auf den bereits aufziehenden Kalten Krieg“, sagte Mauch.

Einer der Zuträger der Amerikaner war der spätere Berliner Regierende Bürgermeister, Ernst Reuter. Er war vor den Nationalsozialisten ins türkische Exil geflüchtet, wo er die moderne Urbanistik in der Türkei mitbegründete. Friedhelm Boll, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, hob die guten Arbeitsbedingungen Reuters hervor: Dieser wurde, obgleich nicht promoviert, Professor für Städtebau an der Uni Ankara und zugleich Berater des Wirtschaftsministeriums. Seine Bezüge lagen weit über denen der türkischen Wissenschaftler. Allerdings habe sich Reuter auch stark für seine Interims-Heimat engagiert, sagte Boll. Bis zur letzten Minute vor seiner Rückkehr nach Deutschland 1946 habe er die türkischen Stellen unterstützt.

Prominenten Exilanten wie Reuter, dem Architekten Bruno Taut und dem SPD-Politiker Fritz Baade verdankt die Türkei das Image eines „guten“ Exillandes. Dies müsse aus heutiger Sicht aber relativiert werden, sagte die Hamburger Turkologin und Historikerin Corinna Guttstadt. Die Einwanderungspolitik der Türkei zwischen 1933 und 1945 sei durchaus zweifelhaft gewesen. Atatürk und seine Nachfolger hätten zwar einer Reihe von Hochqualifizierten Exil geboten, ansonsten aber keineswegs eine judenfreundliche Politik betrieben.

Im Gegenteil: Ausgebürgerte und staatenlose Deutsche, die sich in der Türkei aufhielten, wurden ausgewiesen. Unter dem Stichwort „Türkifizierung“ erzwang man eine Anpassung der nichttürkischen Minderheiten. Die damit verbundenen Gewaltmaßnahmen richteten sich vor allem gegen Armenier, Griechen und Juden. Seit 1938 durften nur noch sehr wenige Juden und andere NS-Verfolgte überhaupt in die Türkei einreisen.

Entscheidend war die geografische Lage der Türkei als „Nadelöhr“ zwischen dem Machtbereich Deutschlands und seiner Verbündeten und dem Fluchtziel Palästina. Flüchtlinge konnten die Türkei kaum als Transitland nutzen. Der Untergang der „Struma“ im Februar 1942 mit 769 jüdischen Flüchtlingen an Bord war eine Folge dieser Politik. Aus Rumänien kommend hatte das Schiff im Dezember 1941 manövrierunfähig in Istanbul anlegen müssen. Die britische Mandatsmacht wollte der Einwanderung nach Palästina nicht zustimmen, und auch die türkische Regierung verweigerte die Aufnahme der Passagiere. Die Behörden schleppten das Schiff aufs offene Meer. Dort sank es, von einem sowjetischen Torpedo versehentlich getroffen. Fast alle Menschen an Bord starben.

„Der Türkei fehlte es durchaus am Willen, politische Spielräume für eine großzügigere Politik gegenüber den Juden zu nutzen“, sagte Guttstadt. Das Land habe sich stattdessen auf seine Neutralität berufen und letztlich nur die Verfolgten unterstützt, die bei der Modernisierung des Landes von Nutzen waren. Elke Kimmel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben