TURNERS Thesen : Bei der Charité wird gewurschtelt

Die Freie Universität strebt eine Loslösung des Klinikums Benjamin Franklin aus dem Verbund Charité an. Damit soll erreicht werden, dass die FU wieder eine „Voll“-Universität ist. Die Charité ist derzeitig Gliedkörperschaft von FU und Humboldt-Universität. Die Vorgeschichte ist wechsel- und fehlerhaft. Nach der Wiedervereinigung erfolgte die Neustrukturierung der Berliner Hochschul- und Krankenhauslandschaft. Zum 1. April 1995 wurde das Universitätsklinikum Rudolf Virchow (UKRV) von der FU abgetrennt und der HU zugeordnet. Sinn hätte dies nur gemacht, wenn man gleichzeitig den Betrieb in Mitte, also die alte Charité, geschlossen hätte. Dazu fehlte der politische Mut. Es bestanden nunmehr an der HU das UKRV und das Klinikum in Mitte. 1997 wurden die beiden Klinika zu einer gemeinsamen medizinischen Fakultät verschmolzen und bildeten ab 1998 die Charité. Der neue Name lautete Universitätsklinikum Charité der Humboldt-Universität Berlin mit dem jeweiligen Zusatz Campus Charité Mitte bzw. Campus Virchow-Klinikum.

Die Folge war eine Beschäftigung mit sich selbst. Mitte 2003 wurde die Berliner Hochschulmedizin erneut umstrukturiert, nachdem zuvor Pläne, dem Benjamin-Franklin-Klinikum den Status als Universitätsklinikum zu nehmen, gescheitert waren. Es kam zur Fusion der Charité mit der medizinischen Fakultät der Freien Universität Berlin. Die Entscheidung erwuchs hauptsächlich aus der angespannten Haushaltslage des Landes Berlin, das der fusionierten Charité eine Einsparvorgabe in Höhe von 98 Millionen Euro aufbürdete. Der offizielle Name der zu beiden Universitäten gleichermaßen gehörenden Fakultät lautet „Charité – Universitätsmedizin Berlin“. Die Fülle von Organen (Medizinsenat, Fakultätsrat, Aufsichtsrat, Vorstand, Fakultätsleitung, Klinikumsleitung) garantiert permanente Diskussionen um dieselben Gegenstände auf allen Ebenen. Hinzu kommen die Gremien der Universitäten.

Wenn schon nicht jede Universität ihr Klinikum behält, wäre es konsequent gewesen, die Universitätsmedizin in Form einer Medical-School zu verselbständigen. Stattdessen blieb man halbherzig. Man bastelte eine Konstruktion, die alles andere als ideal ist und zu weiteren Veränderungen einlädt. Um die Schließung eines Standorts schleicht man herum wie die Katze um den heißen Brei. Es wird weiter gewurschtelt. Manche nennen das Reform.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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