TURNERS Thesen : Das Deutsche bringt Klarheit

Deutsch verliert insbesondere in naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen an Boden. Selbst auf Kongressen mit ausschließlich deutschsprachigen Teilnehmern werden Vorträge immer häufiger nur noch auf Englisch gehalten. Hier ist der Zug wohl abgefahren. In den Geisteswissenschaften ist das anders.

Allerdings hat man hier die Chance nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht erkannt. Im Ostblock war Deutsch nicht unbedingt das von Amts wegen geförderte Programm; verdeckt wurde es betrieben; in vielen Bereichen aber war es nur „verschüttet“ und hätte leicht freigelegt werden können. Zwar war der Drang zum Englischen unverkennbar, aber der Zugang zur deutschen Sprache war und ist nicht mit Vorbehalten belastet. Hier gilt es vor allem in den Geisteswissenschaften anzuknüpfen. Wie soll denn deutsche Literatur oder wie sollen deutsche Philosophen verstanden werden, wenn dies nicht über die deutsche Sprache erfolgt? Das gilt aber auch für die Sozialwissenschaften und alle Disziplinen, in denen die Kenntnis von Feinheiten der Sprache erst das Verständnis der inhaltlichen Aussagen ermöglicht.

Hochschulen meinen, besonders fortschrittlich zu sein, wenn sie Studiengänge auf Englisch anbieten. Dass dabei die auswärtige Kulturpolitik konterkariert, die Motivation von Schülern und Deutschlehrern im Ausland unterminiert wird, scheint diesen „innovativen“ Kräften zu entgehen. Ein Wunder, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, das Goethe-Institut könne durch Reduzierung von Deutschkursen Geld sparen.

Wenn hier ohne Not das Feld geräumt bzw. nicht besetzt wird, bedeutet das, einen kulturpolitischen Fehler zu begehen. Die Förderung des Deutschen als Wissenschaftssprache ist dabei relativ einfach zu bewerkstelligen: Die Erstveröffentlichung erfolgt in deutscher Sprache. Nach einer Begutachtung durch Experten, wie das auch sonst üblich ist, wird eine Übersetzungsförderung gewährt. Damit wären zwei Ziele erreichbar: Für den deutschsprachigen Markt wäre eine Veröffentlichung als Buch oder Zeitschriftenaufsatz möglich; für den sogenannten barrierefreien, dass heißt kostenfreien Zugang über Open Access stünde die englische Version im Internet zur Verfügung.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schreiben: g.turner@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben