TURNERS Thesen : Das duale System verdient Achtung

Mit schöner Regelmäßigkeit ertönt von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit) in den Routineberichten „Bildung auf einen Blick“ der Ruf, in Deutschland müssten mehr Akademiker ausgebildet werden. Und immer wieder werden dieselben Fehler gemacht: In der Bundesrepublik würden – im Verhältnis zu anderen OECD-Ländern oder im internationalen Vergleich – zu wenig junge Menschen zu einem Studium gelangen. Dabei werden die unterschiedlichen Ausbildungssysteme nicht hinreichend differenziert betrachtet.

Wenn die Anteile derjenigen, die ein Studium aufnehmen, miteinander verglichen werden, ist zu berücksichtigen, dass es in Deutschland im Vergleich zu manchen anderen Ländern für bestimmte Berufe keine Hochschulausbildung gibt. Dazu gehört die viel zitierte Krankenschwester, aber auch andere Sparten der Gesundheitsversorgung und -pflege. Für diese Berufe wird der Nachwuchs im dualen System ausgebildet.

Rechnet man solche Disziplinen dazu, sieht das Bild schon anders aus. Aber eben dies tut die OECD und ihre mit Scheuklappen versehenen Experten nicht. Offenbar passt eine differenzierte Betrachtung nicht in das Konzept einer Ideologie, die mehr als 50 Prozent eines Altersjahrgangs auf die Hochschulen befördern möchte. Und offensichtlich soll mit der permanenten Wiederholung eines angeblichen Defizits Druck auf die Politiker in Deutschland ausgeübt werden, endlich zu handeln.

Nun könnte man, wollte man mehr Studierende aufweisen und in der Folge mehr Akademiker produzieren, bestimmte Ausbildungen „akademisieren“, sie also an den Fachhochschulen ansiedeln. Dann stünde man im internationalen Vergleich besser da. Ob damit auch die Qualität der Ausbildung gehalten oder gehoben werden kann, ist eine andere Frage.

Welche Blüten es treibt, wenn Zahlen geschönt werden sollen, hat das Land Baden-Württemberg vor nicht langer Zeit vorexerziert. Dort gab es Berufsakademien, die eine Kombination von praktischer und theoretischer Ausbildung anboten und die bewusst als Alternative zum Hochschulstudium konzipiert waren. Nicht zuletzt, um die Schaffung von zusätzlichen Studienplätzen vorweisen zu können und damit an Finanzmitteln des Bundes zu partizipieren, wurden die Berufsakademien zusammengefasst und zu einer Hochschule umfirmiert.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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