Turners Thesen : Das G 8 verdient eine Chance

Beim Abitur bereiten die Länder das nächste Schulchaos vor: Einige kehren zu G 9 zurück, andere bleiben bei G 8, wieder andere lassen beides zu. Dabei ist die Verkürzung der Schulzeit prinzipiell sinnvoll, sagt unser Kolumnist George Turner.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Man sollte sich erinnern: Die Ausbildungszeit in Deutschland sei zu lang, die Absolventen verließen die Hochschulen im Durchschnitt erst im Alter von 28 Jahren. Damit sei die Konkurrenzfähigkeit zu anderen Industrienationen nicht gegeben. Deshalb sei das Abitur generell nach zwölf Jahren vorzusehen, so wie es die sogenannten neuen Länder erfolgreich praktizieren. So klang es. Und jetzt soll alles anders sein. In den Ländern der alten Bundesrepublik wird ein Roll-back geprobt. Während der Schulzeit sei keine Zeit mehr für Sport und Musikunterricht, die Schule mache krank.

Über den Leerlauf an Gymnasien wurde besonders im Hinblick auf das zweite Halbjahr der 13. Klasse geklagt. Dann wurde in den meisten Schulen kein neuer Stoff mehr bearbeitet. Nachdem man offenbar den Leerlauf vom zweiten Halbjahr der 13. Klasse auf das zweite Halbjahr der 12. Klasse übertragen hat, darf man sich nicht wundern, dass die Zeit für die Stoffvermittlung bei G 8 knapp ist. Dass Fachvertreter ihre Disziplin als unterrepräsentiert betrachten, ist bekannt. Zeitliche Vorgaben und solche bezüglich des inhaltlichen Umfangs des zu vermittelnden Stoffs sind unerlässlich. Dazu gehört auch eine gewisse „Entrümpelung“ des Lehrstoffs unter Zurückdrängung von Fachegoismen.

Ist es tatsächlich erforderlich, dass für die schriftlichen Arbeiten, die Korrekturen und die mündliche Prüfung mehrere Monate angesetzt werden, die die zweite Hälfte der 12. Klasse im Wesentlichen in Anspruch nehmen? Eine Entkrampfung träte ein, wenn die Abiturprüfung erst im unmittelbaren Anschluss an das 12. Schuljahr stattfände. Die Zeit für die Korrektur der schriftlichen Arbeiten dürfte zu straffen sein. Aber selbst, wenn die schriftlichen und mündlichen Prüfungen mehrere Monate in Anspruch nähmen, ergäben Schulzeit und Prüfungen zwölfeinhalb Jahre. Schon das wäre ein Fortschritt gegenüber der früher beklagten Situation mit der Schulzeit von 13 Jahren.

Die Länder bereiten ein weiteres Schulchaos vor: Einige kehren zu G 9 zurück, andere bleiben bei G 8, wieder andere lassen beides zu. Die Kultusministerkonferenz ist abgetaucht. Es ist nicht auszuschließen, dass Politiker „dem Elternwillen“ nachgeben und zu G 9 zurückkehren. Die bekannten und erkannten Probleme bei der Verkürzung waren sämtlich vorher zu sehen. Präventiv behandelt wurden sie nicht. Die Schulverwaltungen haben sich hier ebenso unfähig erwiesen wie bei der Bewältigung des Lehrermangels. Es wird so lange gewartet, bis es zu spät ist. Dann wird eben zurückreformiert.

Im Vordergrund aller Bemühungen muss das Wohl der Kinder stehen. Schule darf nicht „krank“ machen. Dazu kann aber auch beitragen, wenn „der Elternwille“ dafür sorgt, dass Kinder auf eine Schulart gedrängt werden, deren Anforderungen sie nicht gewachsen sind – das gilt für bei G 8 genauso wie für G 9.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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