Turners Thesen : Der Ärztemangel ist therapierbar

Wer heute Medizin studieren will, braucht entweder eine Abitur-Durchschnittsnote von 1,0 bis 1,3 oder sechs bis sieben Jahre Wartezeit – beides ist absurd. Höchste Zeit, etwas gegen den Ärztemangel zu tun, meint unser Kolumnist George Turner.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt, dass 2000 Fachärzte und 2600 Hausärzte fehlen und im ländlichen Raum die Versorgung zunehmend gefährdet ist. Der neue Patientenbeauftragte, Laumann, fordert mehr Studienplätze, der neue Bundesgesundheitsminister, Gröhe, mahnt eine Revision der Zulassung zum Medizinstudium und Stipendien für künftige Landärzte an. All das ist nicht neu – neu wäre, wenn der kritischen Diagnose endlich auch eine Therapie folgte. Dafür ist es höchste Zeit.

In den letzten 50 Jahren haben sich die Studierendenzahlen auf 2,6 Millionen verzehnfacht. Die Medizinplätze haben sich allenfalls verdoppelt, obwohl Nachfrage und Bedarf massiv gestiegen sind und weiter steigen werden. Gründe sind der medizinische Fortschritt, die alternde Gesellschaft, auch die Feminisierung de Arztberufs mit der Folge geringerer Lebensarbeitszeit. Der Bund pumpt gemäß dem Hochschulpakt noch auf Jahre Milliarden in die Hochschulen, überlässt die Verwendung aber den Ländern. Diese investieren ohne eine überregionale Koordinierung vorzugsweise in preisgünstige Studienplätze. Herr Gröhe und Bildungsministerin Wanka sollten ihre Länderkollegen schleunigst zu einem Runden Tisch einladen und konzertierte Aktionen gegen den Ärztemangel beschließen.

Wer heute Medizin studieren will, braucht entweder eine Abitur-Durchschnittsnote von 1,0 bis 1,3 oder sechs bis sieben Jahre Wartezeit – beides ist absurd. Das „Einser-Privileg“ verleitet manche Spitzenabiturienten zur Medizin, obwohl sie ein Krankenhaus bestenfalls von der eigenen Blinddarmoperation her kennen. Wohl auch deshalb wird jeder siebte Medizinabsolvent später nie als Arzt tätig. Ein obligatorisches Praxisjahr im Krankenhaus oder in einer Landarztpraxis wäre für alle Studienbewerber nicht nur als Studienvorbereitung, sondern auch als Studienberatung mehr als sinnvoll.

Heutzutage wird dies bei kaum einer Universität chancenerhöhend berücksichtigt; selbst komplette Berufsausbildungen in medizinnahen Berufen zählen für die Zulassung nichts oder nur ganz marginal. Dafür umso mehr die Note: auch die neue Hochschulquote, in der die Hochschulen individuell Eignung und Motivation der Bewerber, zum Beispiel durch Auswahlgespräche, feststellen sollten, ist inzwischen wieder dem Zehntelnoten-Fetischismus geopfert worden. Das hat eine schlimme Nebenfolge: Für diese Hochschulquote hat man die Wartequote auf 20 Prozent der Plätze halbiert und damit die Wartezeit fast verdoppelt.

Gerade unter diesen hartnäckigen Bewerbern sind aber vermutlich die Motiviertesten, wahrscheinlich auch mehr künftige Landärzte. Herr Gröhe und Frau Wanka könnten die Heilung des kranken Systems bewirken: Der Bund hat nämlich nach wie vor die (konkurrierende) Gesetzgebungszuständigkeit für die Hochschulzulassung!

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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