Turners Thesen : Der Ärztemangel wäre zu beheben

Zu wenig Mediziner: Bei der Auswahl werden zu oft die Falschen zugelassen - viele werden später nie als Arzt tätig

George Turner
George Turner, Berlins Wissenschaftssenator a.D.Foto: Mike Wolff

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen behauptet, dass es keinen Ärztemangel gibt, weil noch nie so viele Ärzte wie im vorigen Jahr bei den Landesärztekammern gemeldet waren. Die Bundesärztekammer rechnet anders. Sie warnt vor einem Ärztemangel. Das gelte nicht nur für die Unterversorgung des platten Landes, sondern hinge auch damit zusammen, dass 45 Prozent der Mediziner Frauen seien, die häufig nur Teilzeit arbeiten wollten. Allgemein sei eine Tendenz festzustellen, keine eigene Praxis aufzumachen.

Beide Standpunkte haben Argumente und Zahlen für sich. Sie sind beide richtig und – falsch, weil sie das Hauptproblem, die Ausbildung der Mediziner, zu wenig berücksichtigen. Deshalb sind auch Bedarfsprognosen nicht hilfreich. Auch wenn der medizinische Fortschritt, die älter werdende Bevölkerung und die Feminisierung des Berufs durchaus zu Buche schlagen können – der Kern des Problems liegt woanders.

Wer heute Medizin studieren will, braucht entweder eine Abitur-Durchschnittsnote von 1,0 bis 1,3 oder 6 bis 7 Jahre Wartezeit. Beides ist absurd und ein wirtschaftlicher Skandal, nicht zuletzt wegen der zum Teil verschenkten Lebenszeit der Betroffenen. Das „Einser-Privileg“ verleitet manche Spitzenabiturienten zum Studium der Medizin, obwohl sie ein Krankenhaus bestenfalls von der eigenen Blinddarmoperation her kennen. Wohl auch deshalb wird jeder 7. Medizinabsolvent später nie als Arzt tätig. Ein weiterer Grund, dass allein Zahlen keine Aussagekraft haben.

Ein obligatorisches Praxisjahr im Krankenhaus oder in einer Landarztpraxis wäre für alle Studienbewerber nicht nur als Studienvorbereitung, sondern auch als Studienberatung mehr als sinnvoll. Motivation und Eignung könnten so von den Betroffenen selbst im „Eigenversuch“ sehr gut überprüft werden. Heutzutage wird eine Tätigkeit, die einen Bezug zur Medizin hat, von kaum einer Universität chancenerhöhend berücksichtigt; selbst komplette Berufsausbildungen in medizinnahen Berufen zählen für die Zulassung nichts oder nur ganz marginal.

Dafür umso mehr die Note: auch die neue Hochschulquote, in der die Hochschulen individuell Eignung und Motivation der Bewerber, zum Beispiel durch Auswahlgespräche, feststellen sollten, ist inzwischen wieder dem Zehntelnoten-Fetischismus geopfert worden. Das hat eine fatale Nebenfolge: für diese Hochschulquote hat man die „Wartequote“ auf 20 Prozent der Plätze halbiert und damit die Wartezeit fast verdoppelt. Gerade unter diesen hartnäckigen Bewerbern sind aber vermutlich die mit der besten Motivation, wahrscheinlich auch mehr künftige Landärzte.

Es gibt also nicht zu wenig oder zu viele Ärzte – es werden die falschen ausgebildet. Das führt zu Verwerfungen. Die Bundesminister für Gesundheit und Wissenschaft könnten die Heilung des kranken Systems bewirken. Der Bund hat nämlich nach wie vor die (konkurrierende) Gesetzgebungszuständigkeit für die Hochschulzulassung. Frau Wanka und Herr Gröhe: übernehmen Sie.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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