TURNERS Thesen : Der Bachelor: Aus A folgt B

Die zum Teil berechtigten Klagen der Studierenden über Stofffülle, zu viele Prüfungen und damit ein – jedenfalls nach sechs Semestern – nicht zu bewältigendes Bachelor-Examen haben eines klar gemacht: bildungspolitische Weichenstellungen wirken sich langfristig aus.

Dort, wo man nicht konsequent nur soviel in die Studienpläne hineingenommen hat, wie es von durchschnittlich befähigten und fleißigen Studierenden bewältigt werden kann, sind sie überfrachtet mit Lehrveranstaltungen und damit zusammenhängenden Prüfungen. Die Ursachen dafür sind vor Jahrzehnten gelegt worden. Im Zuge der ersten großen Reformwelle in den 1970ern wurde eine große Zahl neuer Stellen für Professoren geschaffen, oft mit einer sehr engen Fachbezeichnung. Zusätzlich gab es sogenannte Überleitungen: In einigen Ländern gelangten Nachwuchswissenschaftler ohne förmliches Berufungsverfahren auf Stellen für Professoren, und zwar solche Personen, die (zufällig) vorhanden waren. Dabei kam es zu einer weiteren Aufsplitterung von Fächern. Sie wurden in den Prüfungsordnungen verankert, weil dies die Teilhabe an den Personal- und Sachmitteln garantierte. Jetzt wundert man sich über eine zu große Zahl von Stoffsegmenten und Prüfungen.

Deshalb wollen die Kultusminister die Bologna-Reform reformieren. Die Stofffülle soll begrenzt, die Studienzeiten flexibler gestaltet und ein Hochschulwechsel erleichtert werden. Die Zahl der Prüfungen soll sinken: Eine Lehreinheit, Modul genannt, soll nur noch mit einer Prüfung abgeschlossen werden.

Künftig soll eine geringere Wochenstundenzahl möglich sein. Die Rede ist davon, dass der Zeitrahmen, einschließlich des Selbststudiums, 32 bis 39 Stunden betragen soll. Das hört sich an wie eine mit der Gewerkschaftsseite in einem Tarifvertrag ausgehandelte Arbeitszeitregelung für Azubis. Damit ist die Universität endgültig zur Berufsschule geworden. Überraschend ist das nicht. Wenn annähernd 40 Prozent eines Altersjahrgangs studieren, sind die Bedingungen andere als zu Zeiten mit 3 Prozent Studenten. Die Steigerung der Studierendenzahlen von 300 000 auf zwei Millionen aber ist das Ergebnis des Ausbaus von Gymnasien und Hochschulen. Wer seinerzeit A sagte, muss jetzt B zur Kenntnis nehmen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schreiben: g.turner@tagesspiegel.de

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