TURNERS Thesen : Der Umgang mit Lenzen ist schofelig

Ende der vergangenen Woche wurde der neue Präsident der Freien Universität in sein Amt eingeführt. Mit Recht darf man von Peter-André Alt erwarten, dass er Bodenhaftung und Visionen verbinden wird, mit aller Wahrscheinlichkeit ein guter Leiter der ihm anvertrauten Hochschule sein wird.

Aber da war doch was – oder besser: wer. Es ist noch nicht lange her, da wurde Dieter Lenzen als der Messias gepriesen, der die FU zu lichten Höhen, sprich zum Elitestatus geführt hat. Dabei hatte man vergessen, dass er dies nur konnte, weil seine Vorgänger Lämmert, Heckelmann, Gerlach und Gaehtgens den Trümmerhaufen, den ein Assistenz-Präsident Kreibich hinterlassen hatte, nach und nach abgetragen haben. Jetzt aber ist Lenzen vergessen. Der die Festversammlung begrüßende Vorsitzende des Kuratoriums, Erichsen, erwähnte zwar den Namen nicht, erinnerte aber daran, dass die Wahl des neuen Präsidenten stattgefunden habe, weil der Abgang – äh Weggang – des Vorgängers dies erforderlich gemacht habe. Den Namen Lenzen vernahm man nicht.

Ist das der Stil, wie man mit verdienten, wenn auch im Nachhinein umstrittenen Amtsträgern umgeht? Immer wieder kann man beobachten, dass Leistung und Namen von leitenden Persönlichkeiten vergessen, verschwiegen oder bewusst unterdrückt werden. Das ist in der Wirtschaft zu beobachten, wo langjährige frühere Vorstandvorsitzende offenbar nicht existiert haben. In der Politik ist man da auch selten humaner. Als ob es einen Makel bedeutet, an gute Leistungen anknüpfen zu können.

Übrigens: Auch aktuelle Vorsitzende werden einmal ehemalige sein. Im konkreten Fall ist auffällig, dass bei den Worten des Kuratoriumsvorsitzenden herauszuhören war, dass jetzt alles ganz anders werde, so etwa die Kooperation mit den anderen Berliner Hochschulen und den außeruniversitären Forschungsinstituten. Wenn es denn bisher Defizite gab, hat der Vorsitzende sie mindestens geduldet. Man kann über den Sinn von Kuratorien oder Hochschulräten, wie sie andernorts genannt werden, unterschiedlicher Meinung sein. Wenn sie aber eingerichtet sind und ihre Mitglieder, vor allem der Vorsitzende, kein bloßer Grüß-Gott-Onkel sein will, muss er gegebenenfalls auch den unangenehmen Part spielen, den Präsidenten zu korrigieren.

Zu hören war davon im Fall der FU nichts. Nach dem „Abgang“ eine non-verbale Distanz zu üben, ist jedenfalls nicht gerade das, was man unter Kultur des Umgangs miteinander versteht. In Berlin nennt man ein solches Verhalten schlicht „schofelig“.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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