Turners Thesen : Die Fusion in der Lausitz vermeiden

Ist es sinnvoll, eine Universität und eine Fachhochschule unter ein Dach zu bringen? Die Erfahrung lehrt jedoch, dass die normative Kraft des Faktischen den erforderlichen Teil praxisorientierter Ausbildung verloren lassen geht - das wird so auch in der Lausitz sein.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

In der Lausitz brodelt es. Die gerade gut 20 Jahre alte, international durchaus wahrgenommene Brandenburgische Technische Universität Cottbus (BTU) und die auf regionale Bedürfnisse eingerichtete Hochschule Lausitz (HL) sollen – nach den Plänen von Wissenschaftsministerin Kunst – aufgelöst und danach in einer „Energie-Universität“ fusioniert werden. Die Fachhochschule würde es wohl gerne sehen, kann sie doch vermeintlich nur gewinnen und ihren Status verbessern. Die Universität läuft Sturm.

Nun wird man es einer ambitionierten Ministerin nicht verargen dürfen, wenn sie Strukturüberlegungen anstellt. Aber ist es sinnvoll, eine Universität und eine Fachhochschule unter ein Dach zu bringen? Das war die Idee von der Gesamthochschule in den 1970ern, anfangs bejubelt, dann ins politische Abseits geraten. Differenzierte Zugänge und Abschlüsse unter einem Dach zu etablieren, ließ sich nicht halten, nicht zuletzt, weil die Vertreter des Fachhochschulsegments nicht bei der ihnen zugewiesenen Aufgabe bleiben, sondern universitätsähnlich werden wollten.

Die Vorstellung, das Potenzial der Region Lausitz für die dortigen Hochschulen nutzbar zu machen, war schon bei ihrer Gründung 1991 plausibel. Gelingen kann es aber nur, wenn außer dem Aufgabenfeld „Energie“ weitere Schwerpunkte gesetzt werden. Nicht ausschließlich das Abitur darf Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums sein und es müssen unterscheidbare Ausbildungsgänge zu differenzierten Abschlüssen führen. Deshalb ist es erforderlich, den Zugang zur Fachhochschule auch und gerade für Absolventen des dualen Systems, nach einer Lehre, offenzuhalten. Ebenso sollten die Abschlüsse sich deutlich unterscheiden. Weder die Industrie noch die öffentliche Hand hat ein Interesse an einem Einheitstitel. Beide wollen erkennen, welche Grundqualifikation sich dahinter verbirgt. Ist es ein eher wissenschaftlich-theoretisch ausgewiesener Absolvent oder handelt es sich um jemanden mit stärker anwendungsorientierten Kompetenzen?

Gewiss, das könne man alles auch unter einem Dach erreichen. Die Erfahrungen mit der Geschichte der Gesamthochschulen lehrt jedoch, dass die normative Kraft des Faktischen zu einem anderen Ergebnis führt: Der gewünschte und auch erforderliche Teil praxisorientierter Ausbildung geht verloren, weil alles zu dem angeblich höheren, mit Universitäts-Dekor ausgestatteten, drängt. Das wird auch in der Lausitz so sein – so etwas kann doch niemand ernsthaft wollen.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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