TURNERS Thesen : Die Wissenschaft verschachert

Es bleibt also dabei: Die Zuständigkeit für die außeruniversitäre Forschung wandert vom Wissenschaftsressort zur Wirtschaft. Die fehlende Bereitschaft der Berliner Koalitionäre zur Korrektur ist wohl nicht nur aus Bequemlichkeit zu erklären. Offensichtlich geht es um keine Sach-, sondern um eine Machtfrage. Jeder Koalitionspartner bekommt vier Senatsposten. Da die Wertigkeit unterschiedlich gesehen wird (zum Beispiel Justiz ist weniger wert als Finanzen), muss auf dem Schachbrett hin- und hergeschoben (geschachert) werden. Deutlicher konnte nicht demonstriert werden, wie sich die Parteien die Ressourcen zur Beute machen. Für eine gedeihliche Zusammenarbeit ist es gewiss wichtig, dass die politischen Mehrheitsverhältnisse sich in der Aufgaben- und Ressortverteilung angemessen niederschlagen. Aber gegen die Vernunft und den Rat aller mit der Sache Vertrauten muss es nicht sein.

Auf der Suche nach Frauen für den Berliner Senat hat sich vor allem die SPD nicht mit Ruhm bekleckert. Die in den Senat katapultierte Genossin ist weder für Schulen noch das Gebiet Wissenschaft ausgewiesen. Das könnte kompensiert werden, wenn die betreffende Person ein politisches Schwergewicht wäre. Wie aber soll jemand, der bisher keinerlei Bezug zu dem Ressort aufweist, die Wissenschaft überregional vertreten? Wie soll die Exzellenzinitiative in ihrer nächsten, entscheidenden Runde politische Unterstützung erfahren, wenn ein Nobody dieses für Berlin doch angeblich so wichtige Gebiet repräsentiert – und das nach einem überregional bekannten und angesehenen Senator Zöllner? Es ist offensichtlich nur darum gegangen, neben Rechts-Links, Ost-West und Alt-Jung auch die Frauen-Quote zu erfüllen, ohne Rücksicht, wer geeigneter ist.

Zwar ist die Verlagerung der Zuständigkeit für die außeruniversitäre Forschung ein fundamentaler Sachfehler; unter dem Aspekt des erkennbaren Defizits der neuen Wissenschaftssenatorin kann man dem immerhin etwas abgewinnen: Die Senatorin für Wirtschaft, wo nunmehr jener Forschungsbereich angesiedelt sein wird, bringt ihre Kompetenz als Fachfrau für Bildungspolitik, wenn auch nicht für Wissenschaft, beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag ein.

Ein Beleg für den Standort Berlin als Wissenschaftsstadt bleibt der neue Senat schuldig. Die Quittung kann Berlin beim Exzellenzwettbewerb serviert bekommen. Die Universitäten hätten dann ein wasserdichtes Alibi.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben