TURNERS Thesen : Durchlässigkeit hilft allen

Die Hochschulen sind überfüllt; für die nächsten Jahre wird eine weitere Zunahme der Studierenden von derzeitig 2,2 Millionen auf vermutlich 2,7 erwartet. Ursachen sind geburtenstarke Jahrgänge, zwei Abiturgruppen, die Aussetzung der Wehrpflicht und die Öffnung der Hochschulen auch für Bewerber ohne Hochschulreife. Manche Zugangsberechtigte absolvieren zunächst eine Ausbildung im dualen System und beginnen unmittelbar danach oder später ein Studium. Sie werden so behandelt wie Erstsemester, die direkt von der Schulbank in den Hörsaal wechseln. Dabei haben die mit einer beruflichen Praxis auch ein Stück „Theorie“ gelernt, sei es in der Ausbildung oder im Rahmen von Weiterbildungsangeboten. Insbesondere bei letzteren wirken oft Hochschullehrer nebenberuflich mit, die dort das unterrichten, was sie auch im Hauptberuf lehren. Die erfolgreiche Teilnahme wird durch Testate und Zertifikate bescheinigt.

Wenn Kandidaten mit entsprechenden Ausweisen an die Hochschulen kommen, fangen sie wieder „bei Null“ an, das heißt die bereits erworbenen Kenntnisse sind zwar vorhanden, sie müssen aber formal erneut entsprechende Leistungsnachweise erbringen. Das bedeutet Enge und Überfüllung in Übungen und Seminaren.

Eine gewisse Entkrampfung würde es bedeuten, wenn außerhalb der Hochschulen erbrachte Leistungen anerkannt werden, selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass sie inhaltlich gleichwertig sind. Warum soll nicht ein Modul, angeboten im Rahmen einer Weiterbildung eines Konzerns, mit wesentlicher Unterstützung von Professoren renommierter Hochschulen, auch im Rahmen eines anschließenden Studiums als erbracht gelten?

Seit langem beklagen die Hochschulen zu Recht die Überlast, weigern sich aber standhaft, Erleichterungen der angedeuteten Art zu akzeptieren. Die Gutschrift außerhalb der Hochschulen erbrachter Leistungen ist weitgehend ein Tabu. Eine Reaktion auf diese defensive Haltung war die Aufwertung von außeruniversitären Angeboten der Weiterbildung zu privaten Hochschulen. Dort kann es dann zu aufgeblasenen Programmen und Titeln kommen, die sich hart an der Grenze zur Hochstapelei bewegen. Bei einem Quereinstieg per Anerkennung von Leistungen aus Weiterbildungsprogrammen unterlägen die Anbieter einer Qualitätskontrolle durch die Hochschulen. Dies hätte auch positive Wirkungen auf das, was außerhalb der Hochschulen angeboten wird.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schreiben: g.turner@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben