TURNERS Thesen : Eine Lehre vorm Studium ist schlau

Die Zahl der Studienbewerber wird vermutlich zum kommenden Semester einen Höchststand erreichen. Das wird zunächst vor allem unter dem Aspekt der weiteren Überfüllung der Hochschulen gesehen. Hilfsmaßnahmen werden getroffen. Wie auch in der Vergangenheit wird man damit irgendwie fertig werden.

Was aber geschieht, wenn die Anfänger des Wintersemesters 2011/12 das Studium abgeschlossen haben werden – oder auch nicht? Schon jetzt wird beklagt, dass es zu wenige Ingenieure und Fachkräfte in den technisch-naturwissenschaftlichen Berufen gibt. In anderen Disziplinen könnte beim Berufsstart eher ein Stau entstehen. Haben alle, die das Modefach BWL studieren, das Zeug dazu, und wie sieht es mit den Berufschancen aus?

Offenbar betrachten viele Abiturienten den Weg Schule – Hochschule als Einbahnstraße ohne Abzweigung oder Zwischenaufenthalt. Während im dualen System Auszubildende fehlen, herrscht in den Hochschulen drangvolle Enge. Diejenigen, die meinen, wir hätten im Verhältnis zu anderen Industrienationen zu wenige Studierende, haben noch nicht begriffen, dass das duale System mit seiner qualifizierten Ausbildung auch für Hochschulberechtigte attraktiv ist.

Gewiss soll keiner Planung das Wort geredet werden, wonach tatsächliche oder vermeintliche Bedarfsprognosen aufgestellt werden und dann eine Kanalisierung der jungen Menschen stattfindet. Aber Trends zu erkennen und die Ausbildung entsprechend einzurichten, kann ja nicht falsch sein. Das aber spricht für einen Start außerhalb der Hochschulen, jedenfalls zunächst. Niemand vergibt Chancen, wenn nicht unmittelbar nach dem Erwerb der Hochschulreife mit dem Studium begonnen wird. Eine Ausbildung schafft nicht nur eine Grundlage, sondern auch eine gewisse Sicherheit: In überschaubarer Zeit wird eine berufliche Qualifikation erworben. Ein anschließendes Studium ist gut vorstellbar.

Ende der 70er drängten Studienberechtigte in die Hochschulen, weil es keine Ausbildungsplätze gab. Weil manche keinen Platz als Azubi bekamen, „mussten“ sie studieren. Das ist heute anders. Es scheint, als würden die entsprechenden Möglichkeiten von den Betroffenen entweder nicht erkannt oder zu wenig wahrgenommen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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