Turners Thesen : Fälschen stellt Elite nicht in Frage

Wissenschaftler der Universität Göttingen werden verdächtigt, mit Falschangaben zu Manuskripten in Publikationslisten versucht zu haben, Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu erhalten. Diese Form der Täuschung ist neu, denn bisher waren nur Fälle bekannt, bei denen vor allem Messdaten geschönt, manchmal sogar erfunden worden waren.

George Turner[Wissenschaftssenator a. D.]

>Nicht akzeptabel ist die mögliche Entschuldigung, der Druck sei enorm, umfangreiche Publikationslisten vorlegen zu müssen, um im Wissenschaftsbetrieb erfolgreich zu sein. Es ist zwar richtig, dass mehr und mehr das Prinzip „publish or perish“ (publiziere oder geh’ unter) gilt. Fragwürdige Ranking-Methoden addieren die Veröffentlichungen und schließen daraus auf die Forschungsleistung. Damit entsteht ein enormer Druck, möglichst permanent zu publizieren. Die Spitzenorganisationen der Wissenschaft sollten darauf dringen, dass vor allem junge Wissenschaftler von den Auswüchsen dieses Systems verschont bleiben. Die Antwort kann jedenfalls nicht sein, dass Titel erfunden werden.

Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen und alle Blicke richten sich auf die Universität, in deren Mauern das passiert ist. Wie konnte es nur? Geschehen konnte es offenbar, weil man fürchtete, die Erwartungen für die weitere Bewilligung nicht zu erfüllen und hoffte, nicht erwischt zu werden. Wer prüft schon die langen Listen der aufgeführten Aufsätze, Berichte, Gutachten etc.? Und schließlich das vermeintlich Schlimmste: Göttingen ist erfolgreich im Exzellenzwettbewerb gewesen. Die ehrwürdige Georgia Augusta gehört zu den Elite-Universitäten.

Beides hat jedoch nichts miteinander zu tun. Der Skandal in einem bestimmten Bereich gehört lokalisiert, aufgeklärt und geahndet. Man kann über die Kriterien bei der Auswahl von bis zu zehn Spitzenuniversitäten durchaus streiten. Für die Beurteilung der Exzellenz einer Universität kann aber nicht entscheidend sein, ob es irgendwo in einem Betrieb mit mehreren Tausend Wissenschaftlern ein paar schwarze Schafe gibt. Das ist bei der Exzellenz-Universität Freiburg so gewesen, wo Mediziner systematisch Doping betrieben und gegen ethische Grundsätze in der Ausübung des ärztlichen Berufs verstoßen haben. Die differenzierende Betrachtung muss jetzt auch für Göttingen gelten.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schreiben: g. turner@tagesspiegel.de

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