Turners Thesen : Gedenken muss neu gelehrt werden

Mit dem Wissen junger Menschen selbst um Ereignisse der jüngeren Vergangenheit ist es oft nicht gut bestellt. Es dürfte schwer werden, die Kenntnisse schnell zu verbessern, meint unser Kolumnist George Turner.

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George Turner
George Turner, Berlins Wissenschaftssenator a.D.Foto: Mike Wolff

Die Kultusminister möchten erreichen, dass junge Menschen geschichtliche Vorgänge besser beurteilen lernen. Das ist löblich und verdient uneingeschränkte Unterstützung. Denn mit dem Wissen selbst um Ereignisse der jüngeren Vergangenheit ist es nicht gut bestellt. So kommt es vor, dass zum Beispiel jüngere Besucher in Berlin erklärten, noch nie etwas von der Mauer gehört zu haben; worum es sich denn dabei handle. Aber auch „mittelalterliche“ Zeitgenossen antworten auf die Frage, ob ihnen eine ostpreußische Stadt bekannt sei: „Ja, Stettin“.

Dies den Betroffenen als Unbildung anzulasten, greift zu kurz. Speziell im letzten Fall ist das Ausblenden eines Teils deutscher Geschichte in der Schule verantwortlich für fehlende Kenntnisse. In der früheren DDR war es politische Methode, den deutschen Osten zu ignorieren; in der Bundesrepublik war das Ergebnis nicht besser. Schulbücher sparten Gebiet und Geschichte weitgehend aus.

Die Folge ist, dass Generationen von Schülern kaum Kenntnisse von Schlesien haben, Ostpreußen wohl wegen eines gewissen Mythos schemenhaft existiert, von Pommern aber noch nie etwas gehört wurde. Flucht und Vertreibung waren lange Tabu-Themen. Insbesondere in linken Kreisen wurde die Erörterung als politisch nicht korrekt gebrandmarkt und als gestrig und rückwärtsgewandt gescholten. Dabei wäre es nicht schwer gewesen, den Verlust der Gebiete mit ihrem einst wertvollen historischen Erbe als besonders schmerzliche Kriegsfolge den Machthabern im Dritten Reich anzulasten.

So begrüßenswert es ist, dass die KMK sich des Themas annimmt – wer aber soll die Kenntnisse vermitteln? Die Lehrer gehören weitgehend zu den Jahrgängen, die selbst von solchen Themen in der Schule nicht berührt worden sind. Nachteilig macht sich generell bemerkbar, dass Fächer wie Musik und Kunst in der Schule zurückgedrängt werden und die Bedeutung des Fachs Religion für die Erinnerungskultur übersehen wird. Gewiss kann durch entsprechend aufbereitetes Lehrmaterial manches Defizit ausgeglichen werden. Das mag den kommenden Schülergenerationen zugutekommen. Ein nicht unbeachtlicher Teil der Bevölkerung aber wird weiter mit lückenhaften Vorstellungen leben.

Hier auf einen Ausgleich durch Museen zu setzen, ist sehr optimistisch. Ausstellungen gehen grundsätzlich von einem gewissen Kenntnisstand der Betrachter aus, setzen einen bestimmten Bildungsstand voraus. Wenn bei Besuchern, sofern sie entsprechende Einrichtungen aufsuchen, hinsichtlich der Kenntnisse der dargestellten Vorgänge oder Ereignisse eher eine Wüste oder Brachland festzustellen sind, bedarf es einer anderen Konzeption: Man muss sich darauf einstellen, dass ein Teil nichts weiß, man also Elementares vermitteln muss. Museumspädagogik muss sich auf den Kenntnisstand null bei Besuchern einstellen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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