Turners Thesen : Hochschulen für Fachkräfte öffnen

In Deutschland droht ein Mangel an Ingenieuren. Deshalb müssen die Zugangsmöglichkeiten zu den Hochschulen gelockert und die Ausbildung an der Schule reformiert werden. Von George Turner, Wissenschaftssenator a. D.

In den Ländern gibt es unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu den Hochschulen für Bewerber ohne Reifeprüfung. In jedem Fall müssen sie eine berufliche Qualifikation vorweisen. Dies ist nicht zuletzt auf Betreiben des Handwerks unter dem Motto „Studium auch
ohne Abitur“ eingeführt worden. Man sieht darin derzeitig vor allem die Chance, dem drohenden Fachkräftemangel an Ingenieuren zu begegnen. Das ist richtig und zeigt erneut, wie Fehler ausgebügelt werden müssen, die eine angeblich fortschrittliche Hochschulreform produziert hat.

Bis vor dreißig Jahren hatten Absolventen einer beruflichen Ausbildung die Möglichkeit, eine Ingenieurschule zu besuchen. Indem man diese Einrichtungen in Fachhochschulen umbenannt und sie durch das Erfordernis der Fachhochschulreife beziehungsweise des Abiturs aufgemotzt hat, wurde dieser Weg verschlossen. Die Folgen sind zu besichtigen: Die Fachhochschulen versuchen, sich den Universitäten anzunähern („Universities of applied sciences“) und befähigte Absolventen des dualen Systems gucken in die Röhre. Das ließe sich schnell korrigieren, indem die Zugangsvoraussetzungen zu den Fachhochschulen verändert würden.

Damit wäre aber nicht automatisch das Problem fehlender Kräfte in den naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen gelöst. Hier wirkt sich eine über Jahrzehnte dauernde Vernachlässigung entsprechender Fächer in den Schulen aus. Hemmend war nicht nur eine inzwischen wohl weitgehend überwundene Skepsis gegenüber Technik, die sich auch schon mal zur Technikfeindlichkeit steigern konnte.

Negativ wirkt sich vor allem aus, wenn naturwissenschaftliche Fächer nicht durchgehend unterrichtet werden. Erscheinen Physik oder Chemie in einem Schuljahr nicht im Lehrplan, darf man sich nicht darüber wundern, dass das Interesse der Schüler dafür entweder nachlässt oder gar nicht erst geweckt wird. Auch hier ein Fehler unbedachter Schulexperimente. Daraus sollte wenigstens eines gelernt werden: Bei der jetzt anstehende Reform des Zugangs müssen alle Konsequenzen bedacht werden, auch die, dass es wenig hilfreich ist, bei den Studierwilligen ohne Hochschulreife Illusionen hinsichtlich ihrer Möglichkeiten zu erwecken. Das wäre ein uneingeschränkter Zugang statt der fachgebundenen, also vom bisherigen Berufsfeld abhängigen Zulassung.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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