Turners Thesen : HRK-Präsident steuert ins Abseits

Von verschiedener Seite wird suggeriert, die Bologna-Reform sei gescheitert. In dieses Horn tutet auch der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler. Man glaubt nicht recht zu hören beziehungsweise zu lesen.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Bisher war die HRK Bannerträger der Reform. Jetzt heißt es, die Umstellung des Studiensystems habe mehr geschadet als genützt; der Ansatz, junge Menschen flotter durchs Studium und in den Beruf zu bringen, sei falsch.

Erstaunlich, dass frühere Klagen so schnell vergessen sind: Die Studierenden in anderen Ländern verließen die Hochschulen mit Anfang 20, unsere Absolventen seien zu lange in der Ausbildung und zu alt beim Berufseintritt. Die Initiative „Bachelor welcome“ der Industrie bestätigte den Hochschulen, den richtigen Schritt getan zu haben. Aber die Bedenkenträger machten mobil: Die Zeit bis zum Bachelor reiche nicht aus, ein akademisches Studium nach früheren Maßstäben zu gewährleisten.

Das ist richtig und war so gewollt. In den letzten 50 Jahren ist der Anteil derjenigen, die ein Studium aufnehmen, auf über 45 Prozent an der gleichaltrigen Bevölkerung gestiegen, statt 300 000 studieren nun weit über zwei Millionen. Das Ausbildungssystem aber blieb unverändert. Es bedurfte daher einer Anpassung des Systems an die veränderten Zahlen.

Indem nicht das Studium unter Berücksichtigung der Vorgabe neu konzipiert, sondern nur ein Teil des bisherigen Inhalts „abgeschnitten“ wurde, geriet das Neue aber zum Torso. Der gleiche Effekt trat ein, wenn man den auf acht Semester angelegten Stoff in sechs presste. Durch diese Art des Unterlaufens ist es gelungen, Zweifel an der Reform zu wecken. Hohe Quoten von Abbrechern und im Examen Gescheiterten sind auch auf überfrachtete, nicht angepasste Studienpläne zurückzuführen.

Wenn der Repräsentant der Hochschulen jetzt das Scheitern der Reform verkündet, reibt man sich Augen. Verantwortlich wären manche unter denen, die er vertritt. Bemängelt wird auch, dass die gehegte Annahme, Studierende würden einen Teil des Studiums im Ausland verbringen können, sich nicht erfüllt hat. Dem steht nicht zuletzt das krampfhafte Bemühen vieler Hochschulen entgegen, ein eigenes Profil zu entwickeln. Dann fehlt es aber oft an der Kompatibilität mit Ausbildungsgängen an ausländischen Institutionen. Auch die Vorstellung, man könne „Persönlichkeiten“ von der Universität entlassen, wenn sie so wie einst, nämlich länger studierten, verkennt und verklärt die frühere Situation.

So gelangt die HRK in die Sackgasse.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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