TURNERS Thesen : Irrläufer der Hochschulpolitik

Berufsakademien sollten einst die Universitäten ergänzen, jetzt sollen sie selbst zu Hochschulen werden.

George Turner[Wissenschaftssenator a. D.]

Einst wurden sie als Wunderwaffe verkündet: die Berufsakademien in Baden-Württemberg. Das sind staatlich anerkannte Bildungseinrichtungen, die einen Platz neben den Hochschulen einnehmen. Die Ausbildung dauert drei Jahre, gegliedert in Unterrichtsphasen in der Berufsakademie und Ausbildungsblöcken im Unternehmen der Praxispartner.

Die Berufsakademien sind ein gutes Beispiel für das duale System. Weil die Fachhochschulen ihren Auftrag, ein berufsorientiertes Studium anzubieten, immer mehr vernachlässigten, wurde ein Kontrapunkt gesetzt. Andere Länder übernahmen das Modell, Berlin und Thüringen in staatlicher Trägerschaft; in Hessen, Niedersachsen, Hamburg, Saarland und Schleswig-Holstein werden sie privat finanziert. Der Abschluss hieß ursprünglich Diplom-BA. Mittlerweile verleihen die meisten Berufsakademien den "Bachelor". Zum Teil rückte man von der Konstruktion wieder ab. In Berlin wurde aus der Berufsakademie ein Fachbereich einer Fachhochschule.

Jetzt ist es auch im Ursprungsland der Idee, in Baden-Württemberg, so weit. Die Berufsakademien sollen in Baden-Württemberg Hochschulen werden. Lange schon gab es das Bestreben aus den Reihen der Berufsakademien, den Hochschulen gleichgestellt zu werden, was Titel anging, einschließlich der Zulassung zur Promotion.

Nun könnte man den Schritt im Südwesten als konsequent betrachten, wenn durch die Existenz der Berufsakademien die Fachhochschulen wieder zu mehr Praxisbezug zurückgekehrt wären. Dann hätten sie ihre Schuldigkeit getan und sich selbst überflüssig gemacht. Sie könnten entweder aufgelöst werden oder – was dem gleich käme – in die Fachhochschulen integriert werden, also unterschiedsloser Teil derselben werden. Sie sollen aber eigenständige Einrichtungen bleiben, mit dem Privileg, dass die Teilnehmer ihrer Veranstaltungen einen vergüteten Ausbildungsplatz bei einem assoziierten Unternehmen haben.

Das zwanghafte Bestreben, allen Ausbildungsstätten das Etikett "Hochschule" zu verpassen, stellt die Ursprungsidee auf den Kopf: Die Berufsakademien sollten eine echte Alternative zum Hochschulstudium bieten und das duale System aufwerten. Nicht nur die Hochschulen sollten den Königsweg weisen. Mit der Abkehr von diesem Prinzip erweisen sie sich als Irrläufer der Hochschulpolitik.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine e-mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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