TURNERS Thesen : Nicht jede Mode mitmachen

Der Wissenschaftsrat empfiehlt, neben den bisherigen Haupttypen, den Universitäten und Fachhochschulen, weitere Hochschularten zuzulassen und „den Typenzwang zu lockern“.

Dabei sollen vor allem Einrichtungen entstehen, die der Lehre „stärkeres Gewicht einräumen“. „Colleges“ und „Professional Schools“ sollten zu „Untereinheiten“ der Hochschulen werden, „aber eine eigene organisatorische Struktur erhalten“. Die „Professional Schools“ könnten auch als selbstständige Institutionen ganz aus der Hochschule ausgegliedert werden. Das Risiko, die neue Vielfalt könne zu einer „wachsenden Unübersichtlichkeit“ und neuen Schwierigkeiten bei der Qualitätssicherung führen, sieht der Wissenschaftsrat wohl, übergangsweise sei das aber in Kauf zu nehmen.

Man fragt sich angesichts solcher „Empfehlungen“, an wen der Wissenschaftsrat sie richtet. Formal sind Adressaten Bund und Länder. Man darf dabei aber auch an die viel zitierten Nutzer denken, darunter Studierende und zukünftige Arbeitgeber der Absolventen. Das Durcheinander mit den gleichlautenden Abschlüssen von Bachelor und Master an Universitäten und Fachhochschulen ist groß genug. Um sich ein Bild von dem Leistungsvermögen von Kandidaten zu machen, bedarf es der Lektüre des Diploma Supplement. Als ergänzende Information zu den offiziellen Dokumenten über Hochschulabschlüsse soll es die Bewertung und Einstufung von akademischen Abschlüssen sowohl für Studien- als auch für Berufszwecke erleichtern und verbessern. Und jetzt noch mehr Differenzierung? Die Umsetzung der Empfehlungen bedeutete wohl eher Chaos.

In einem Punkt ist dem Wissenschaftsrat zuzustimmen: Hochschulen und Politik sollen ihre Fixierung auf das „Exzellenzparadigma“ beenden. Dieses gefährde die nötige „funktionale Differenzierung“, weil Qualitätsanforderungen jenseits der Spitzenforschung gar nicht gesehen würden. Und wer hat diese Fixierung maßgeblich verursacht? Eben das Gremium, das jetzt lauthals danach ruft, den Dieb zu fangen. Auch bei „Empfehlungen“ sind die Folgen zu bedenken.

Der Wissenschaftsrat hat über Jahrzehnte wertvolle Impulse gesetzt. Jetzt liefert er unpraktikable Vorschläge für Wildwuchs. Die Länder werden hoffentlich anderen Aufgaben höhere Prioritäten einräumen als Vorschlägen zu einer weiteren Differenzierung, das heißt Unübersichtlichkeit und Verwirrung zu folgen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schreiben: g.turner@tagesspiegel.de

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