TURNERS Thesen : Nicht jeder ist zum Ingenieur geboren

Die Zahlen sind erschreckend: In den ingenieurwissenschaftlichen Fächern scheitern an den Universitäten 35 Prozent; entweder bestehen sie Prüfungen nicht, die für ein Weiterstudium Voraussetzung sind, oder sie geben von sich aus auf. An den Fachhochschulen sind die Zahlen nicht ganz so dramatisch: 20 Prozent erreichen nicht das Ziel. Das liegt vermutlich auch daran, dass die Fachhochschulen bereits vor der Umstellung des Studiensystems auf Bachelor und Master kürzere Studiengänge angeboten haben und deshalb weniger Schwierigkeiten hatten, sich den veränderten Vorgaben anzupassen. Doch mit der Erklärung, bei den Universitäten liege die Ursache für die Misere in der Umstellung der Diplomstudiengänge auf das gestufte System Bachelor/Master, macht man es sich mit Sicherheit zu einfach.

Seit geraumer Zeit wurde die Sorge um den fehlenden Nachwuchs in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern laut und vernehmlich verkündet. Die Berufsaussichten wurden als glänzend, die demnächst auftretende Lücke als gigantisch dargestellt. Unabhängig davon, ob das für alle in Betracht kommenden Studiengänge und Berufssparten galt – es hat einen gewissen Sog ausgeübt: Die Zahl der Studierenden in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern stieg zwischen fünf und 15 Prozent an. Dabei haben manche Aspiranten offensichtlich übersehen, dass ein Studium zum Beispiel in Maschinenbau oder Bauingenieurwesen nur erfolgreich absolviert werden kann, wenn die Basis, Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer, vorhanden ist.

Hier können Lücken als Folge des unter Umständen unzureichenden Schulangebots oder falscher Fächerwahl auftreten. Auch wenn der Forderung nach Brückenkursen usw. entsprochen wird, um solche Mängel auszugleichen – Erfolgsaussichten finden eine Grenze in den Fähigkeiten der Betroffenen, den Stoff zu begreifen und zu verarbeiten. Es ist eben nicht jeder zum Ingenieur geboren.

Bei den Prüfungen gibt es auch keine „Grauzone“, indem ein größerer Spielraum der Beurteilung besteht. Anders als bei den oft etwas hämisch als Diskussionswissenschaften abgetanen Disziplinen aus dem Bereich der Geisteswissenschaften sind die Lösungen bei den Ingenieuren richtig oder falsch. Entweder hält die Brücke oder sie bricht zusammen. Hier gibt es – auch wieder anders als etwa bei fehlerhaften Entscheidungen von Juristen – keine zweite Instanz, um ein Urteil zu korrigieren. Die späteren Anforderungen im Beruf schlagen auf die Ausbildung durch. „Der Ingenieur, der hat es schwör.“

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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