Turners Thesen : Nur wenige Bäcker packen die Uni

Es ist zwar möglich, ein Studium ohne Reifezeugnis aufzunehmen. Das Risiko, sich auf etwas einzulassen, was der bisherigen Erfahrungswelt nicht entspricht, ist allerdings nicht zu unterschätzen.

George Turner[Wissenschaftssenator a. D.]

Die Kultusminister haben beschlossen: Auch ohne Abitur oder Eignungstest können Meister, Techniker und Fachwirte jedes Fach ihrer Wahl studieren: Berufstätige mit mindestens zweijähriger Ausbildung und dreijähriger Berufspraxis erhalten ein fachgebundenes Zugangsrecht. Für die einen ist das endlich der Durchbruch und die Anerkennung der Gleichwertigkeit von beruflicher und gymnasialer Ausbildung, die anderen sehen das Abendland untergehen.

Die Universitäten wiederholen von Zeit zu Zeit, dass die Studierfähigkeit mindestens eines Drittels der Studierenden nicht gegeben sei. Überlange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten seien die Folge. Wie passt es dazu, Bewerber ohne die systematische Schulung und Vorbereitung auf ein Studium, wie sie das Gymnasium vornehmen soll, zuzulassen? Im Übrigen werte man die gymnasiale Ausbildung ab, wenn der Hochschulzugang erleichtert werde.

Auch bisher war es möglich, ein Studium ohne Reifezeugnis aufzunehmen. Die Länder haben dafür unterschiedliche Regelungen erlassen. Der Anteil der Studierenden ohne Abitur beträgt bei Universitäten 0,6 Prozent, bei den Fachhochschulen 1,9 Prozent. Auch in Zukunft werden nicht Meister des Kfz-Gewerbes in Scharen die medizinischen Vorlesungen bevölkern und auch das Bäckergewerbe wird keinen Aderlass zugunsten der Philosophischen Fakultäten erleiden.

Die Liberalisierung des Zugangs wird schon aus Gründen der Vernunft von den in Betracht kommenden Kandidaten selektiv wahrgenommen werden. In der Regel wird ein Fach gewählt werden, das zum bisherigen beruflichen Werdegang passt. Ausnahmen mag es geben, auch Aspiranten, die sich überschätzen, vielleicht sogar solche, die das Abenteuer eines Studiums eingehen, weil die bisherigen Tätigkeiten nicht eben erfolgreich waren.

Das Risiko, sich auf etwas einzulassen, was der bisherigen Erfahrungswelt nicht entspricht, ist nicht zu unterschätzen. Hilfen seitens der Hochschulen, etwa durch Brückenkurse, sind angesichts der Überlast kaum zu erwarten. Deshalb wäre eine Kampagne, von den Möglichkeiten extensiv Gebrauch zu machen, eher kontraproduktiv. Soweit zu einem fachgebundenen Studium, basierend auf dem bisherigen Beruf, geraten wird, ist das insbesondere bei technischen Fächern an Fachhochschulen sinnvoll. Alles andere ist mit Vorsicht zu betrachten.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-mail schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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