TURNERS Thesen : Professoren auf dem Egotrip

Mit den Schlagworten vom vermehrten Wettbewerb zwischen den Hochschulen wurde auch eine andere Vokabel geboren, nämlich die von der notwendigen Profilbildung der einzelnen Institutionen. Zugleich sollte die Reform à la Bologna und damit der einheitliche europäische Hochschulrahmen für mehr Mobilität der Studierenden sorgen. Beides verhält sich gegenläufig und passt wie die oft zitierte Faust aufs Auge.

Ein Wechsel von Hochschulorten, im Idealfall sogar ins Ausland, und das in einem sechssemestrigen Studium, ist nur dann denkbar, wenn die Programme eng aufeinander abgestimmt sind und so garantiert ist, dass keine Zeit verloren geht. Je eigenständiger, individueller und profilierter im Sinne einer besonderen Ausrichtung ein Studium an einer Hochschule konzipiert ist, desto weniger ist es für Studierende geeignet, die von anderen Institutionen kommen, um es ohne Zeitverlust zu absolvieren.

Aber auch für diejenigen, die am Ort bleiben, hat Profilbildung ihre Tücken. Oft bedeutet es, dass Spezialitäten von Hochschullehrern ihren Niederschlag im Studienangebot finden, bis hin zu Marotten, mit denen sich die Studierenden herumschlagen müssen. Spezialisierungen, die angeboten werden, erscheinen unter Umständen unter exotischen Bezeichnungen, die später bei Bewerbungen im Berufseinstieg unbekannt sind und Kopfschütteln verursachen.

Nun ist nicht alles, was neu ist, und nicht jedes bisher unbekannte Etikett abzulehnen; bei der kreativen Gestaltung von Studiengängen und deren Bezeichnung sollte allerdings auch der Markt bedacht werden, auf dem die Absolventen ihre Chancen suchen.

Absurd ist die Vorstellung, Studienanfänger könnten – bei klarer Profilbildung der Hochschulen – besser erkennen, welcher Ort für sie der geeignete wäre. Wenn das Gros der Anfänger schon wüsste, welches Fach in der groben Ausrichtung das richtige ist, würde das schon einen beachtlichen Gewinn bedeuten. Eine ausdifferenzierte Hochschullandschaft als Chance und Bereicherung bei der Wahl anzusehen, die im Schülerstatus getroffen werden muss, ist reichlich lebensfremd.

In der Forschung soll und wird es immer Schwerpunkte geben. Hier ist Profilbildung sinnvoll und auch geboten. Das Lehrangebot für das Gros der Studierenden unter dem Aspekt der Profilbildung zu gestalten ist oft ein Professoren-Egotrip, der sich für die Studierenden als Sackgasse herausstellen kann.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine e-mail schreiben: g. turner@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben