Turners Thesen : Professorenmacht? Nur theoretisch

Der Kampf um die Viertelparität an der TU Berlin wird unter der Formel "Entmachtung der Professoren" geführt. Doch das ist irreführend: Die Professoren sind gar kein homogener Block, ihre Macht nur eine theoretische, meint unser Kolumnist.

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Unser Kolumnist George Turner.
Unser Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

An der TU Berlin wird seit einiger Zeit versucht, die sogenannte Viertelparität einzuführen. Dabei geht es darum, dass die Gruppe der Professoren ihre Mehrheit verliert. Dann hätten alle Statusgruppen, nämlich Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Studierende und das nichtwissenschaftliche Personal, die gleiche Anzahl von Stimmen in den in Betracht kommenden Gremien. Dagegen gibt es rechtliche Bedenken, die auf einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts beruhen.

Die Auseinandersetzung in der TU wird unter der Kampfformel „Entmachtung der Professoren“ geführt. Das ist mindestens irreführend, im Grunde falsch. Von einer Entmachtung könnte man nur reden, wenn tatsächlich „Macht“ vorhanden ist. Das wäre – theoretisch – dort gegeben, wo Professoren über die Mehrheit verfügen, die Vertreter der anderen Gruppen zusammen maximal über lediglich eine Stimme weniger als die Professoren verfügen.

Die Gremien zerfallen mindestens in zwei Gruppen

Eine solche Betrachtung geht von der irrigen Vorstellung aus, dass „die Professoren“ ein homogener Block sind. Das ist mitnichten der Fall. Abgesehen von den verschiedenen Fachrichtungen, die sie vertreten, gibt es unterschiedliche Einkommensgruppen. Entscheidend aber ist, dass sie sich in ihren hochschulpolitischen Vorstellungen und in ihrem Abstimmungsverhalten keinesfalls en bloc darstellen. In aller Regel zerfallen sie in den Gremien in wenigstens zwei Fraktionen. Die Fälle, in denen an Berliner Universitäten die Gruppe der Professoren in hochschulpolitisch relevanten Fragen geschlossen abgestimmt hat, dürften höchst überschaubar sein. Anders ist es bei den anderen Statusgruppen, vor allem bei den Studierenden. Hier kommt es eher, auch aus Gründen so empfundener Solidarität, zu einheitlichen Voten.

Die inhaltliche Inhomogenität der Professoren ist ein Faktum, das bei der schematischen Betrachtung von Gruppen regelmäßig übersehen wird. Es macht im Übrigen deutlich, dass die – mangels anderer Ideen – quasi-ständische Einteilung der Mitglieder von Hochschulen ein Geburtsfehler der „demokratisierten“ Universität war. Allerdings liegt bisher kein allgemein akzeptiertes Konzept vor, wie die Konstruktion aussehen könnte, welche die Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Mitwirkung der verschiedenen Statusgruppen bei Entscheidungen sachgerecht und rechtsfehlerfrei „unter einen Hut“ bringt. Die vermeintliche Entmachtung der Professoren ist es gewiss nicht.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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