Turners Thesen : Schluss mit der Doktor-Inflation

Nach dem Fall Schavan: Der Doktortitel ist ins Gerede gekommen. Der Grund sind spektakuläre Plagiatsfälle von Prominenten, in der Regel Politikern. Sind das Einzelfälle?

von
Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Völlig unzulässig wäre es, einen Generalverdacht zu äußern und etwa anzunehmen, dass bei der Anfertigung von Dissertationen generell geschludert wird, indem Quellen gar nicht angegeben werden oder nicht korrekt zitiert wird. Es darf auch davon ausgegangen werden, dass die Doktorväter und -mütter die ihnen vorgelegten Arbeiten in der Regel sorgfältig lesen und nicht nur Fehler und Lücken, sondern auch Ungereimtheiten beim Zitieren feststellen.

Aber es gibt auch die Möglichkeit des Betrugs, der allerdings in den Fächern mit unterschiedlichen Methoden begangen wird. In experimentellen Fächern kommt es vor, dass Messergebnisse geschönt oder sogar erfunden werden. Das gilt im Übrigen nicht nur für Doktorarbeiten; hier haben sich auch Professoren bereits negativ hervorgetan. Im Bereich der Buchwissenschaften ist es das Plagiat.

Abgesehen davon, dass die Arbeits- und Zitierweise sich in einzelnen Fächern unterscheiden, gilt doch generell, dass anzugeben ist, woher eine Passage oder ein Gedanke entnommen ist. Die Versuchung abzuschreiben ist immer dann gegeben, wenn Delinquenten davon ausgehen können, dass das Fehlverhalten nicht entdeckt wird. Dabei mag eine Rolle spielen, dass manche „Vergabeberechtigte“ viele Doktoranden haben und als „Doktorfabrik“ gelten. Ebenso mag ein Grund sein, dass durch die Zunahme der Professoren viele berechtigt sind, Dissertationen auszugeben.

Seit 1960 ist die Zahl der Professoren an Universitäten von 5000 auf 22 000 gestiegen. Dazu haben in einigen Ländern Überleitungen von in der Lehre beschäftigten Assistenten in Professorenstellen und ganzer Institutionen wie der Pädagogischen Hochschulen in Universitäten beigetragen. Für die jüngere Vergangenheit ist möglicherweise ein Grund für einen schnellen Durchlauf und unangebrachte Großzügigkeit die Tatsache, dass beim Ranking von Fakultäten auch die Anzahl von Doktorarbeiten ein Kriterium für Leistung ist, und damit quantitative und qualitative Merkmale vermengt werden.

Würde man den Fachhochschulen das Promotionsrecht einräumen, kämen 18 000 potenzielle Betreuer hinzu. Die Universitäten haben es in der Hand, dies zu verhindern. Sie sollten so verfahren wie im Verhältnis zu den Forschungsinstitutionen: Indem sie in der Forschung ausgewiesene Hochschullehrer an Fachhochschulen zu Honorarprofessoren machen, die dann als Mitglieder der Universität Dissertationen ausgeben können.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

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