TURNERS Thesen : Studiengänge breiter anlegen

Der Wissenschaftsrat verkündet in seinen neuesten Empfehlungen, jede Hochschule müsse ihr eigenes Profil entwickeln und ihre Nische suchen. Das treibt dann die merkwürdigsten Blüten, indem absonderlichen Studiengängen noch abenteuerliche Bezeichnungen von Studienfächern verpasst werden. Mag man sich unter „Anwendungsorientierte interkulturelle Sprachwissenschaft“ und „Kooperatives internationales Wirtschaftsingenieurwesen“ noch etwas vorstellen können, so fällt das dem um Orientierung bemühten Studienaspiranten schon schwerer, wenn es heißt „Szenographie“, „Digital Humanities“ oder „Transportation Interior Design“.

Dahinter verbirgt sich oft das Spezialgebiet eines Professors. Betont wird dann, dass es das betreffende Fach nur an der bestimmten Institution gebe. „Umso schlimmer“, kann dem Betrachter da schon mal über die Lippen kommen. Darauf fallen harmlose Gemüter dann herein, die glauben, etwas ganz Besonderes in Angriff zu nehmen und sich damit auf unverwechselbare Art zu qualifizieren. Das tun sie auch, nur leider in dem Sinn, dass niemand glaubt, sie später beruflich sinnvoll einsetzen zu können. Wenn Hochschullehrer auf diese Weise ihre besonderen Arbeitsgebiete, manchmal auch ihre Marotten, als Etikett für einen Studiengang oder auch nur für ein Studienfach verwenden, handeln sie verantwortungslos, weil sie junge Menschen in Sackgassen schicken.

Über Spezialisierungen und entsprechend zum Ausdruck kommende Bezeichnungen kann man bei Masterstudien noch reden. Aber auch dort ist Verständlichkeit und die Möglichkeit, sich unter dem Begriff etwas vorstellen zu können, hilfreich. Bachelorabsolventen mit exotischen Abschlussbezeichnungen auf den Arbeitsmarkt zu entlassen, garantiert ihnen eine lange, oft ergebnislose Suche nach einem Berufsstart.

Es ist auch nicht so, dass ein auffälliger Titel wie „Innovative Textilien“ oder „Hazard Control“ (gemeint ist Brand- und Gefahrenschutz) oder „Midwifery“ (für Hebammen und Entbindungspflege) womöglich neugierig macht. Vielmehr ist die Gefahr groß, dass bereits bei der ersten Auswahl Kandidaten aussortiert werden, die von vornherein nicht dem Anforderungsprofil entsprechen. Und da ist nun einmal die „Hausnummer“ maßgebend. Wenn man den Absolventen ein breites Feld von Einsatzmöglichkeiten eröffnen will, darf die Spezialisierung sie nicht von vornherein ins Abseits manövrieren. Auch die viel gepriesenen Möglichkeiten, eine Zeit im Ausland zu studieren, werden damit nicht erhöht, wenn sich keine passgenauen Partner finden lassen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schreiben: george.turner@t-online.de

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