Turners Thesen : Titel sparen, Qualität sichern

Eine Verringerung von Plagiatsfällen wird sicher nicht durch einen Ausschluss des Dr. aus Personalausweis oder Reisepass erreicht. Viel mehr würde helfen, weniger Titel zu verleihen, sagt unser Kolumnist George Turner.

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Kolumnist George Turner.
Kolumnist George Turner.Foto: Mike Wolff

Die Grünen wollen den Dr.-Titel aus dem Personalausweis verbannen. Es gäbe offenbar Anreize, den Doktor nicht als Nachweis wissenschaftlicher Qualifikation zu erlangen, sondern vorrangig zur Steigerung der gesellschaftlichen Reputation. Deshalb sei er nicht mehr in Personaldokumenten zu vermerken. Den Hintergrund für die grüne Initiative bilden Plagiatsfälle, bekannt gemacht in erster Linie mit Bezug zu prominenten Politikern. So weit – so gut.

Nur werden Ausweispapiere kaum eingesetzt, um die gesellschaftliche Reputation zu steigern. Briefkopf, Visitenkarten, Namensschilder schon am Gartentor und Selbstinszenierungen sind viel deutlichere Merkmale, die sich allerdings nicht gesetzlich verbieten lassen. Und der Dr. ist nicht das Schlimmste. Was schwirren da nicht alles für Titel durch den Äther!

Zunächst gibt es die Inhaber von Professorenämtern, 22 000 an Universitäten, 18 000 an Fachhochschulen. Dann das Heer der Ehrenträger: Dr. h.c., Honorarprofessoren, Ehrensenatoren und -bürger. Alles hat im Prinzip seine Berechtigung; die Inflationierung der Titel aber ist unübersehbar. Der Anschluss an Österreich ist längst geschafft.

Dahinter steckt nicht nur Eitelkeit der Ausgezeichneten, sondern auch das Bemühen der die Dekoration verleihenden Institutionen, die Anerkennung für Leistungen auszusprechen oder Personen enger an sich zu binden. Alles verständlich und löblich. Nur wird nicht selten des Guten zu viel getan. Mehr Zurückhaltung würde den Wert von Ehrungen erhöhen. Auch lassen die Betroffenen gern außer Acht, dass es sich um eine Verleihung ehrenhalber handelt; beim Dr. wird das „h.c.“ weggelassen und beim Prof. das „Honorar“.

Eine Verringerung von Plagiatsfällen, wie es den grünen Initiatoren vorschwebt, wird sicher nicht durch einen Ausschluss des Dr. aus Personalausweis oder Reisepass erreicht. In dieser Hinsicht hat Guttenberg viel wirksamer Einfluss genommen. Das Verfahren der Aberkennung hat das Risiko von Täuschungen deutlich werden lassen. Das werden Doktoranden bedenken. So manches Promotionsvorhaben wird deshalb „mangels Masse“ ergebnislos enden.

Es sollte aber auch Doktorvätern und -müttern Anlass geben, das ihnen Präsentierte zu lesen und zu überprüfen. Auch dadurch sind zahlenmäßige Rückgänge vorstellbar. Eine Eindämmung der Zahl vergebener Dissertationsthemen ist durchaus wünschenswert. Eine Ausweitung der Promotionsberechtigung auf andere Einrichtungen als die Universitäten wäre kontraproduktiv.

- Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

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